Ein Plädoyer für Harry Potter

Wenn ich erzähle, dass ich meine Bachelorarbeit über die Romanreihe Harry Potter geschrieben habe, bekomme ich zwei Arten von Fragen gestellt:

  1. „Was? Darüber kann man eine Bachelorarbeit schreiben?“ (Außerdem: „Willst du nicht, dass man dich ernst nimmt?“)
  2. „Harry Potter? Ist das nicht eigentlich ein Thema für die Anglistik?“

Zur ersten Frage: Ja, man kann. Es gibt auch Doktorarbeiten zu Harry Potter. Warum? Weil Millionen von Menschen weltweit diese Bücher lesen und hochgradig begeistert sind. Da fragt sich der Wissenschaftler: Woran liegt das? So, und mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Wer mich nicht ernst nimmt, wird dann eben auch von mir nicht mehr ernst genommen.

Zur zweiten Frage: Berechtigter Einwand, der bisher allerdings auch nur von Personen geäußert wurde, die selbst Germanistik oder Anglistik studieren. Auch hier: Ja. Eine Arbeit zu einem englischsprachigen Werk gehört eigentlich (eher?) in die Anglistik.

Warum also Harry Potter? Ich wollte über ein Thema schreiben, das auch Nichtlinguisten interessiert. Aus der vagen Idee, über den Sprachgebrauch in Kinderbüchern zu schreiben, wurde eine Arbeit zur metaphorischen Konstruktion der Welt Harry Potters. Dabei ging es mir um mehr, als lediglich zu zeigen, in welcher Weise J. K. Rowling Metaphern gebraucht, um eine fiktionale Welt aufzubauen und deren Eigenarten und Besonderheiten mit Hilfe bildhafter Vergleiche (also Metaphern) zu beschreiben. Ich wollte auch darauf eingehen, wie die Harry Potter-Reihe ihre Leser beeinflusst. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass das Lesen dieser Bücher die Toleranz gegenüber Minderheiten stärkt, Rassismus entgegenwirkt und sich auf die politischen Ansichten der Leser zugunsten von demokratischen, liberalen und sozialen Parteien auswirkt. In meiner Arbeit geht es dann also darum, wie Metaphern in den Romanen dazu beitragen, die Wertvorstellungen von Kindern und Jugendlichen zu prägen und inwiefern sie eine Unterstützung beim Verständnis abstrakter Konzepte bieten, und da findet man eine ganze Menge. Es gibt Dementoren, die die personifizierte Depression sind, es gibt verbotene Flüche, die auf Folter, Unterwerfung und Mord hinweisen, es gibt das Konzept von Gedanken und von der Seele, die durch das Denkarium oder die Horkruxe zu Objekten und somit greifbar werden. Es gibt eine Ideologie des Bösen, die auf der Metaphorik der Reinheit des Blutes basiert und die dabei eine klare Hierarchie etabliert (Reinblüter, Halbblüter, Schlammblüter, Muggel), wodurch sie auch stark an die Ideologie des Nationalsozialismus erinnert. Und gerade durch die negative Darstellung dieser Ideologie wird der Leser zur Adaption humanistischer Werte ermutigt.

Die Quintessenz meiner Bachelorarbeit lautet also: Lest Harry Potter. Die Reihe fördert tolerantes Denken und, was soll ich sagen, ist auch einfach echt unterhaltsam geschrieben.

 

2 Kommentare zu „Ein Plädoyer für Harry Potter

  1. Habe schon davon gelesen, dass Harry Potter toleranzfördernd (klingt wie ein Medikament) sein soll. Deine sprachliche Analyse interessiert mich aber mindestens genauso sehr, ich würde deine Arbeit sehr gerne lesen!

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