Deine Träume werden wahr sein

Jedem Mädchen, das in vorpubertären Zeiten Zugang zu KiKa hatte, dürfte diese intertextuelle Referenz auf die Zeichentrickserie Sissi bekannt sein. Auch wenn mein Herz immer weniger für Kaiser Franz als vielmehr für den ungarischen Graf Andrássy geschlagen hat, war mein Traum-Reiseziel in den letzten Jahren nicht Budapest, sondern Wien. Holpriger Übergang, aber in Ermangelung einer besseren Alternative lasse ich das mal so stehen. Seit langer Zeit standen die Städte Wien und München (von Freiburg aus betrachtet könnte ich sagen, dass ich gerne in bekannten Breitengraden bleibe) ganz oben auf der Liste für einen Kurzurlaub. Dass ich es trotzdem bisher nie dorthin geschafft habe, liegt nicht daran, dass ich an meinen Prioritäten vorbei gereist bin, sondern daran, dass ich gar nicht gereist bin (abgesehen von Familienurlauben und fernbeziehungsbedingten Ausflügen nach Frankfurt). Diesen Herbst sollte sich das ändern.

Da ich mir diesen Urlaub immer als Pärchen-Trip vorgestellt hatte, waren meine vagen Gedanken zu Wien immer eher romantischer Natur: gemütlich im Kaffeehaus sitzen, durch den Schlosspark und natürlich: eine Kutschfahrt machen! Jahr für Jahr habe ich, wenn der Herbst in Heidelberg eingezogen ist, die Broschüren für das Bahn+Hotel-Angebot mit nach Hause genommen, um der Idee, vor Beginn des Semesters nach Wien zu reisen, ein Stück näher zu kommen. Aber Träume werden nicht von alleine wahr. Man muss etwas dafür tun, und man braucht vor allem die richtige Person an seiner Seite. Dass diese Person letztlich kein Boyfriend war, sondern meine liebe Freundin „sophisticated Sophie“, war das Schönste, was mir hätte passieren können.

Um die Sache (einigermaßen) kurz und knackig zu halten, habe ich mich entschieden, den Urlaub folgendermaßen zusammenzufassen:

Fünf Dinge, die man in Wien getan haben muss

1. Ins Kaffeehaus gehen.

Das Offensichtliche zuerst. Ich glaube, ein Kaffeehaus-Besuch war tatsächlich das einzige, was auf meiner Muss-ich-absolut-getan-haben-Liste stand (womit es sich technisch gesehen wohl nicht um eine Liste handelt). Der Kaffeehaus-Traum ist sogar schon älter als der Wien-Traum an sich und hat seinen Ursprung im Deutsch-Unterricht der Oberstufe, als wir Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ gelesen haben und meine Deutschlehrerin uns zur Kontextualisierung das Gedicht „Kaffeehaus“ von Peter Altenberg vorgelesen hat. Mir wurde direkt klar: Dieses Feeling, diese Atmosphäre, das will ich auch.

2. Haare schneiden.

Der Klassiker. Ich habe gehört, der Städtetrip ist eigentlich nur erfunden worden, damit man zu einem fremden Friseur gehen kann.  Spaß beiseite. Eigentlich wäre ich vor dem Urlaub gerne noch zum Friseur gegangen, habe aber keinen Termin mehr bekommen. Also habe ich einen Termin nach dem Urlaub ausgemacht. Als wir im Flugzeug saßen, habe ich Sophie davon erzählt, und die Idee, einfach IM Urlaub zum Friseur zu gehen, war geboren. Der Zufall bzw. das Schicksal sollten entscheiden, ob wir das durchziehen, und die Entscheidung ist eindeutig ausgefallen: Bereits auf dem Weg von der U-Bahn zum Hostel sind wir an zahlreichen Friseursalons vorbeigekommen und gleich der erste gehörte zu einer Kette, die es auch in Neuenheim gibt. Im Schaufenster prangte ein Werbeschild für die Option der Online-Terminbuchung. Kaum waren wir im Hostel a.k.a. WLAN angekommen, war der Termin auch schon gebucht.

IMG_4540.JPG
Links: bekifft wirkendes Vorher vom Abend vorher / Rechts: glamouröses Nachher.

3. Einen klassischen Tanz tanzen.

„Wenn man in Wien ist, muss man wenigstens einmal klassisch tanzen“, habe ich mir sagen lassen. Wo diese Weisheit ihren Ursprung genommen hat – vermutlich wurde sie spontan erfunden? –, weiß ich nicht, aber da ich diesem Postulat nachgekommen bin und in feinster Sissi-Manier einen Wiener Walzer getanzt habe (auch wenn es nicht in einem Ballsaal mit Parkettboden, Kornleuchter und bodentiefen Fenstern, sondern in einer verrauchten Kneipe war), dachte ich mir, ich könnte es übernehmen.

4. Eine Aufführung in der Staatsoper besuchen.

Ups. Ich kann zu meiner Verteidigung nur sagen, dass wir WIRKLICH fest vorhatten, in die Oper zu gehen. Wir haben sogar einen Geheimtipp für Sparfüchse bekommen: Auf keinen Fall sollte man Last Minute die Karten kaufen, die einem von kostümierten Mozart-Lookalikes auf der Straße vor der Staatsoper angeboten werden, sondern stattdessen die Abendkasse für Stehplätze nutzen, die zwei Stunden vor Beginn der Aufführung öffnet. Nachdem wir es vier Tage lang vor uns hergeschoben haben, sind wir an unserem letzten Abend 2,5 Stunden vor Beginn von „Tosca“ an der Staatsoper angekommen und waren circa an zwanzigster Position in der Warteschlange (ganz knapp, weil sich ein Mädel, das aussah, als würde es jeden Abend in der Oper verbringen, in letzter Sekunde vor uns durch die Tür gesneaked hat!). Als wir uns zwanzig Minuten später umentschieden haben, hatte sich die Schlange hinter uns gefühlt verhundertfacht und wir stellten fest, dass der Geheimtipp wohl doch nicht so ganz geheim ist. Und da wir nicht in der Oper waren, man das aber definitiv getan haben muss, ist eindeutig klar, dass wir wieder nach Wien reisen müssen. Q.E.D.

5. Sissi-Merchandise kaufen.

Das Beste kommt zum Schluss. Kaiserin Elisabeth ist überall in Wien. Bei unserer Walking-Tour durch Wien erzählte uns der Tour-Guide (zu deutsch „Fremdenführer“, wie man im Jüdischen Museum besser nicht ausversehen sagen sollte) die für mich schockierende Lebensgeschichte von Sissi und Franz, die anscheinend wahr ist, aber leider so gar nichts mit der Zeichentrickserie zu tun hat! Da hilft nur Ohren zu und durch, und einen Sturm hinterher, um das Gehörte schnell wieder zu vergessen. Besonders hilfreich zur Aufrechterhaltung des Images, das ich von Sissi haben möchte, war die nicht nur bunte, sondern auch glitzernde Postkarte mit Sissi-Porträt, die ich sogleich erwerben und meiner besten Freundin nach Frankfurt schicken musste. Long live the glitter.

Das waren dann auch schon die fünf Dinge, die man meiner Meinung nach unbedingt getan haben muss, wenn man in Wien ist (und wenn man wiederkommen möchte, hebt man sich einfach ein bisschen was davon für „das nächste Mal“ auf). Und zur Erinnerung an die romantische Kutschfahrt, die ich nicht gemacht habe, weil sie in Wirklichkeit teuer, kalt und nach Pferdemist riechend ist (und wir, um den Tatsachen mal ehrlich ins Gesicht zu blicken, nicht mehr im Jahr 1900 leben), habe ich mir eine zauberhafte Postkarte mitgenommen. Sogar mit kleinen Hunden drauf. Süß!

img_4541

 

Ein Kommentar zu „Deine Träume werden wahr sein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s