Von Powerfrauen und Frauenpower

Vor einigen Tagen bin ich beim gelangweilten Durchscrollen meiner Facebook-Startseite über einen ZEIT-Artikel mit der Überschrift „Niemand würde Powermann sagen“ gestoßen (es handelt sich dabei um ein Interview mit Margarete Stokowski, und ja, ich habe diesen Namen zuvor noch nie gehört). Da ZEIT Online unglaublich aktiv bei Facebook ist und ungefähr alle 20 Minuten neue Artikel-Hinweise postet, machen diese Beiträge circa 75 Prozent meiner Timeline aus (denn who cares, was eigentlich meine Freunde so bei Facebook posten) und nicht selten wird aus dem gewohnheitsmäßigen Aktualisieren der Facebook-App ein stundenlanges Lesen von Reportagen aus dem Jahr 2012 – klar, die ZEIT erscheint nur einmal in der Woche und diese Rechnung bekomme sogar ich hin: wenn die täglich mehrmals pro Stunde auf Artikel verlinken, ist es logisch, dass sie dabei auch auf ihr Archiv zurückgreifen.

Da ich grundsätzlich alles von der ZEIT lese, was vermuten lässt, dass es mit Sprache, Psychologie, Autismus oder Neurowissenschaften zu tun hat (und wenn man einmal angefangen hat, gibt es kein Ende, weil sie genau wissen, dass ich jeden Link zu ähnlichen Artikeln anklicke, den sie geschickt mitten auf die Seite platzieren), habe ich mir auch besagtes Interview mit Margarete Stokowski näher angeschaut.

Es geht dabei um geschlechterspezifische Ungerechtigkeit in der Berufswelt. Zurzeit ein für mich sehr spannendes, aber auch heikles Thema. Wenn Margarete Stokowski in diesem Interview sagt, dass es keine Geschlechtergleichheit gebe, solange wir den Ausdruck „Powerfrau“ benutzen, dann zieht das nicht nur einen ganzen Rattenschwanz zu Themen wie Frauenquote, Gender Studies und Gesellschaftskritik mit sich, sondern stellt mal eben mein ganzes Weltbild auf den Kopf. Denn ganz davon abgesehen, wie ich zum Thema Feminismus im Allgemeinen und Genderlinguistik im Besonderen stehe (und ich befinde mich da gerade in einer Phase der Neuorientierung), habe ich das Wort „Powerfrau“ bisher immer als sehr positiv konnotiert wahrgenommen. Eine kleine Pilotstudie in meinem Bekanntenkreis („Sag mal Julia, was ist für dich eine Powerfrau? Und ist das was Gutes oder was Schlechtes?“) und auch die Definition bei Duden Online haben dieses Bild bestätigt.

Was ist überhaupt eine Powerfrau? Die Duden-Definition ist irgendwie so gar nicht zufriedenstellend: eine „tüchtige Frau voll Kraft und Stärke“ soll das sein. Das mag im Kern vielleicht stimmen, sagt für mich aber überhaupt nichts über Konnotationen oder Verwendungsweisen aus. Vielleicht hilft das Lied „Powerfrau“ von den Wise Guys weiter, das mir spontan einfällt und das dann auch bei den Google-Treffern zu diesem Suchbegriff ganz oben mit dabei ist. Die Powerfrau in diesem Lied ist ein Workaholic (am Rande: das Wort gibt es nur in der männlichen Form!), während ihr Mann zu Hause die Bude putzt, denn „hinter jeder starken Frau steht ’n fleißiger Mann“. Auf jeden Fall findet sich hier die Stärke wieder, von der auch die Duden-Definition spricht. Und: Die Powerfrau ist eine Karrierefrau. Natürlich habe ich auch für die Karrierefrau eine Definition aus dem Duden parat:

„1. Frau, die dabei ist, Karriere zu machen, bzw. die eine wichtige berufliche Stellung errungen hat

2. (oft abwertend) Frau, die ohne Rücksicht auf ihr Privatleben, ihre Familie ihren Aufstieg erkämpft [hat]“

Was die Powerfrau von der Karrierefrau unterscheidet, zeigt ein Vergleich bei einer Kookkurrenzdatenbank des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Kurz zur Erklärung: Das Kookkurenzprofil eines Wortes zeigt Wörter, die im Sprachgebrauch häufig gemeinsam mit dem Suchwort auftreten. Indem man die Kookkurrenzprofile von Wörtern, die beinahe Synonyme sind, miteinander vergleicht, kann man feine Nuancen im Bedeutungsunterschied erkennen. Hier werden die rot hinterlegten Wörter mit der Karrierefrau assoziiert, die gelb hinterlegten mit der Powerfrau:

 

kontrast-powerfrau-karrierefrau

Während die Karrierefrau häufig mit (vorhandenem oder nicht vorhandenem) Familienleben (Mutter, alleinstehend, Elternteil, Ehepaar, kinderlos / kinderreich) in Verbindung gebracht wird, stehen bei der Powerfrau neben Berufsbezeichnungen auch wettbewerbsorientierte Substantive (Konkurrentin, Rivalin, Siegerin) im Vordergrund. Was mir besonders ins Auge springt: Die Powerfrau ist „maskulin“. So geht es nämlich auch weiter bei den Wise Guys: „und ich trau ihr nicht, sie ist ja auch nur ein Mann“. Ohne näher darauf einzugehen, wie dieses kleine „nur“ eigentlich Männer und Frauen zueinander in Beziehung setzt, höre ich aus diesem Lied heraus: Die Powerfrau ist eine Karrierefrau ist ein Mann.

Dass Frauen, die Karriere machen, anscheinend (angeblich?) eine Männer-Domäne besetzen, beschreibt ein Artikel aus der Handelszeitung, den ich ergoogelt habe. Die Journalistin Melanie Croyé schreibt darüber, dass der Ausdruck „Karrierefrau“ oft negativ verwendet wird, während es das männliche Pendant, den „Karrieremann“, in unserem Sprachgebrauch gar nicht wirklich gibt. Und warum? Weil es, so Croyé, dermaßen natürlich ist, dass Männer Karriere machen, dass man kein Wort dafür braucht. Mein Fazit ist: Ich stimme Margarete Stokowski zu, was ihre Bewertung der „Powerfrau“ angeht. Vor uns liegt noch ein weiter Weg.

So, jetzt habe ich bereits viel über die Powerfrau, aber noch nichts über Frauenpower geschrieben. Das hebe ich mir für einen späteren Beitrag auf.

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