Wir wählen unsere Zukunft

Vorgestern war Sonntag, der zweite Advent. Ein besinnlicher Tag. Mein Zimmer versinkt im Umzugschaos, während die Menschen in Österreich und Italien zur Wahl gehen, und alle meine Bekannten wieder einmal zittern und hoffen, dass die Entscheidung eine demokratische sein wird. Großbritannien hat sich für den Ausstieg aus der EU entschieden, die USA hat sich gegen eine demokratische Präsidentin entschieden, in Deutschland, Frankreich und vielen anderen Ländern gewinnen Parteien an Wählerschaft, die stärker rechts gesinnt sind als sie zugeben. Und immer öfter höre ich Freunde sagen: „Ich habe Angst vor dem, was noch kommen wird.“

Voller Vertrauen in die demokratische Erziehung Europas und der USA war ich und waren alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, fest davon überzeugt, dass man sich in England sowieso nicht für den Brexit entscheide, dass Trump die Wahl zum US-Präsidenten sowieso nicht gewinnen könne. Weit gefehlt. Wieder und wieder muss ich mir selbst klarmachen, dass ich mich in einer Blase bewege, in einer Blase einer heilen Welt. Die Leute, mit denen ich über solche Themen diskutiere, sind mehrheitlich Studenten und Großteils Geisteswissenschaftler: Da liegt es nahe, dass sie eine reflektierte, humanistische Weltanschauung vertreten. Aber „da draußen“, außerhalb meiner Blase, sind viele, viele Menschen, die für den Brexit und für Donald Trump gestimmt haben. Und zwar aus dem gleichen Grund, wie ich eben nicht dafür stimmen würde: aus Angst.

Täglich liest man in den Medien von der Spaltung Europas. Ich weiß nicht, ob und wie ich diejenigen erreichen kann, die weit weg sind von meiner Alltagswelt. Aber ich weiß, dass ich die anderen erreichen kann, die, die mir nahestehen. Freunde, Freunde von Freunden, Kommilitonen. Und denjenigen möchte ich eine Gruppe von Menschen in Erinnerung rufen, mit denen sich viele von ihnen vielleicht identifizieren können. Sie studierten an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München, sie nannten sich die „Weiße Rose“, und sie haben unter Lebensgefahr für die Demokratie gekämpft.

Wenn ich die Flugblätter lese (und da ich momentan eine Hausarbeit dazu schreibe, habe ich sie so oft gelesen, dass ich sie bald auswendig kann), bin ich immer wieder erstaunt, wie reflektiert, überzeugt und rational diese jungen Menschen argumentierten. Na gut, den Nationalsozialismus als die „abscheulichste aller Mißgeburten von Regierungen“ zu diffamieren, ist vielleicht nicht gerade rational, aber emotionalisierte Superlative wie dieser tragen zur Überzeugungskraft von anderen Argumenten bei. Ein paar kurze Sätze aus diesen sechs Flugblättern, die nichts an Aktualität eingebüßt haben, möchte ich hier weitgehend unkommentiert wiedergeben (die gesamten Flugblätter im Wortlaut kann man bei der Bundeszentrale für politische Bildung nachlesen).

Denn „jeder einzelne Mensch hat einen Anspruch auf einen brauchbaren und gerechten Staat, der die Freiheit des einzelnen als auch das Wohl der Gesamtheit sichert“.

Über die Idee eines demokratischen Staates hinaus war die Weiße Rose außerdem überzeugt von der Notwendigkeit einer Europäischen Union:

„Nur in großzügiger Zusammenarbeit der europäischen Völker kann der Boden geschaffen werden, auf welchem ein neuer Aufbau möglich sein wird.“

Die Taten der Nationalsozialisten bezeichnet die Weiße Rose als

„das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen“

und

„aus Liebe zu kommenden Generationen muß nach Beendigung des Krieges ein Exempel statuiert werden, daß niemand auch nur die geringste Lust je verspüren sollte, Ähnliches aufs neue zu versuchen.“

Die kommenden Generationen, das sind wir. Eine Gruppe von Studenten hat alles riskiert, damit wir in Frieden leben können, und sie hat dafür mit dem Leben bezahlt. Auch heute müssen wir alles dafür tun, um die Würde des Menschen zu schützen. Denn so sehr ich an die (bindende) Macht der Worte glaube, es reicht nicht, dass unsere Verfassung die Menschenwürde als unantastbar postuliert.

Abschließend möchte ich Sophie Scholl zitieren, und zwar nicht, weil mir viele Leute sagen, dass ich die gleiche Frisur habe wie sie. Sondern weil mir vor der Zukunft graut, und weil ich weiß, dass anderen vor der Zukunft graut. Aus einem Brief vom 09.04.1940 von Sophie Scholl an Fritz Hartnagel:

„Manchmal graut mir vor dem Krieg, und alle Hoffnung will mir vergehen. Ich mag gar nicht daran denken, aber es gibt ja bald nichts anderes mehr als Politik, und solange sie so verworren ist und böse, ist es feige, sich von ihr abzuwenden.“

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