Wie Worte wehtun

Dieser Text ist anders. Er ist anders, weil er nicht für andere geschrieben ist, sondern für mich selbst.
Wer meine Texte zum Thema Linguistik liest, weiß, dass ich Sprache alles zutraue. Ich kann Emil Anghern nicht oft genug zitieren, wenn er sagt, „die Sprache ist die größte Macht des Menschen“ und meistens bemerkt der Mensch das nicht. Ich habe es zum ersten Mal richtig bemerkt, als ich bei einer Professorin eine Vorlesung zum Thema sprachliche Ausgrenzung besucht habe (Eines meiner Lieblingsbücher: Anja Lobenstein-Reichmann (2013): Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit. Berlin: De Gruyter.). Dort wurden aus für mich bislang banalen Personalpronomen plötzlich Gestalten der Philosophie und der Sozialstruktur. Das Ich kann es erst in Abgrenzung zum Du geben, aus Ich wird Wir, aus Du wird Ihr, und mit Er, Sie, Es gibt es das Andere. Das Andere, über das gesprochen wird und nicht mit dem gesprochen wird. Es entstehen Gruppenzugehörigkeit und Ausgrenzung aus diesen Gruppen.

 

Die Macht der Sprache zeigt sich auch daran, wie Menschen bewusst verbale Gewalt einsetzen können, um andere zu schaden. Sie sind, wie es seit Jan Böhmermann in den deutschen Medien heißt, „bewusst verletzend“. Sie können drohen, beleidigen, Schimpfwörter einsetzen, anderen „Dinge an den Kopf werfen“ – und mit Metaphern wie dieser beginnt die Grenze zur physischen Gewalt zu verschwimmen. Aber Menschen sind auch unbewusst verletzend, und das halte ich fast für noch gefährlicher.

 

Deshalb ist dies nicht die Geschichte von verbaler Gewalt. Es ist eine Liebesgeschichte und es gibt, so viel hat der Titel wohl bereits gespoilert, kein Happy End. Das letzte Jahr war kein einfaches für mich. Ich habe einen Bachelor-Abschluss erlangt, der sich nie angefühlt hat wie ein Erfolg. Ich habe einen Master angefangen, der sich nicht angefühlt hat wie der nächste Schritt. Ich habe einen Erasmus-Platz in Paris bekommen, der sich nicht angefühlt hat wie ein Triumph, obwohl ich drei Jahre lang genau darauf hingearbeitet hatte. Ich hatte das nicht nachvollziehbare Gefühl, mich selbst verloren zu haben. Nicht mehr zu wissen, wer ich bin und wer ich sein will. Ich hatte das Gefühl, dass etwas fehlt. Ich überspringe diese problematischen Monate jetzt, denn es wurde Mai und mit ihm alles besser. Nach einer heftigen Krankheit ist etwas passiert, und ich weiß nicht was, aber plötzlich war es gut. Ich war seit ein paar Wochen wieder Vollzeit an der Uni und von einem Tag auf den anderen war mein Gefühl ein völlig anderes: Ich war mir selbst genug. Das Leben, wie es war, war gut so wie es war.

 

Dieser Zustand sollte circa zwei Wochen andauern. Dann kam ein neuer Mann in mein Leben und stellte meine Welt völlig auf den Kopf. Es ging alles viel zu schnell. Ich kannte ihn seit einer Woche, die sich anfühlte, wie eine Ewigkeit. Alles passte, und ich fragte mich: „Wo ist der Haken?“. Wie gesagt, es ging alles viel zu schnell, ich wurde unruhig. Ich wusste nicht, was das war, das wir hatten. Es fühlte sich an wie eine Beziehung, es fühlte sich an, als hätte ich einen Freund, und doch hätte ich niemals die Worte „Beziehung“ oder „Freund“ aussprechen können, denn wir hatten nicht besprochen, was das war. Und weil ich Germanistik studiere, weil ich glaubte, dass Kommunikation der Schlüssel zum Glück ist, drängte ich auf ein klärendes Gespräch.

 

Dramatische Musik – da war der Haken, denn bei diesem Gespräch thematisierten wir, was zuvor nur vage in der Luft gehangen hatte: dieser Mann würde in zwei Monaten in eine andere Stadt ziehen. Er sagte das mit folgenden Worten: „Wir haben ein Verfallsdatum.“

Diese Worte waren ein Schlag in meine Magengrube (manche wissen, dass ich an dieser Stelle normalerweise einen Witz über Magenschleimhautentzündungen machen würde, aber diesmal muss ich passen), und zwar kein metaphorischer Schlag. Die Bauchschmerzen haben drei Monate lang angehalten.

 

„Wir haben ein Verfallsdatum“, das heißt: Mit dem Ablauf der Zeit wird es kein Wir mehr geben. Wir werden in ein Ich und ein Du zerfallen. So waren diese Worte nicht gemeint, und mein Kopf wusste das. Aber sie waren so gesagt worden, und mein Bauch, mein Herz wussten das. Im Studium lerne ich, dass das gesprochene Wort flüchtig ist, aber diese Worte konnte ich nicht vergessen. Noch nie in meinem Leben hatte etwas so sehr wehgetan: so fühlte es sich an, und so fühlt es sich bis heute an. Und ich kann jedem nur empfehlen: Macht euch bewusst, was ihr zu anderen sagt. Ihr könnt es nicht zurücknehmen, nicht ungeschehen machen, und unbedacht ausgesprochene Worte können größeren Schaden verursachen als bewusst verletzende.

 

Als Anfang August aus dem Wir ein Ich wurde, habe ich mich hingesetzt und meinen ersten Text für diesen Blog geschrieben. Ich habe nach Jahren zum Schreiben zurückgefunden. Ich habe mich selbst wiedergefunden.

4 Kommentare zu „Wie Worte wehtun

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