In einem anderen Universum

Finally. Ich habe das neuste Werk aus der Harry-Potter-Welt gelesen: „Harry Potter und das verwunschene Kind“. Ich habe lange überlegt, ob ich mir das Buch kaufen soll (ja, auch schon, als es das nur auf englisch gab. Denn ich kann englisch. Wenn ich will.), aber es war mir dann doch einfach zu teuer. Bitte nicht falsch verstehen: Bücher haben ihren Wert, und dafür sollten wir durchaus Geld ausgeben (im Idealfall in der Buchhandlung unseres Vertrauens. Den Heidelbergern empfehle ich Artes Liberales, den Mannheimern die Quadrate-Buchhandlung; Heitersheimern die Auslese oder Rombach in Freiburg). Im Falle Harry Potter habe ich mir das Buch letztendlich von meiner Mitbewohnerin ausgeliehen (dafür besitze ich alle anderen Bände, und den sechsten sogar zweimal).

Auf die Lektüre von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ war ich perfekt vorbereitet. In den Weihnachtsferien habe ich endlich den Kinofilm „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ gesehen (natürlich nicht wegen der Story, sondern weil ich ein bisschen (sehr) verliebt in Eddie Redmayne bin). Letzte Woche wollte meine Mitbewohnerin unbedingt den Film „Harry Potter und der Feuerkelch“ schauen, und das war zufällig genau die richtige Entscheidung, denn als ich am Tag darauf angefangen habe, das neue Buch zu lesen, habe ich festgestellt (Spoiler-Alert!), dass es um das Trimagische Turnier geht. Nach zwei Tagen – oder eher Nächten – hatte ich das Buch durch. Nicht nur, weil es als großflächiges Theaterstück geschrieben und jede Seite nur circa zur Hälfte befüllt ist, sondern auch, weil ich es total spannend fand. Ich bin allerdings der Meinung, dass der besondere Schreibstil von J.K. Rowling in Prosatexten sehr viel besser zur Geltung kommt, sowohl in den ausschweifenden 1000-Seiten Romanen als auch in den zahlreichen Kurztexten wie Zeitungsartikeln, die sie in die Romane einbaut und die vor subtilem Humor nur so strotzen.

Aber was ich am stärksten aus dieser Lektüre mitnehme, hat nichts mit der Geschichte an sich zu tun. Das Buch hat mich gerettet. Literatur macht etwas ganz Besonderes mit uns Menschen: wenn wir lesen, tauchen wir ein in ein anderes Universum, wir werden Teil dieses Universums, und wir können alles um uns herum vergessen. Beim Lesen erfahren wir viel über die Welt und über uns selbst, über menschliche und unmenschliche Verhaltensweisen und die ganze Bandbreite an Gefühlen, die ein Mensch empfinden kann. Und wir fühlen mit. Wenn unsere Heldin im Roman ein Abenteuer auf hoher See erlebt, fiebern wir mit um den Schatz. Wenn unser Held frisch verliebt ist, haben wir auch dieses ganz besondere Gefühl im Bauch. Und wenn einer der Helden plötzlich und vollkommen unerwartet erschossen wird, reagieren wir genau wie die Figuren in der Fiktion: ungläubig, den Tränen nahe. Und dann breitet sich die dumpfe Leere aus, die unausweichlich kommt, wenn wir jemanden für immer verloren haben. Warum tut es uns trotzdem gut, zu lesen?

Es hat sein Gutes, dass Bücher uns in den Abgrund stürzen können. Denn wenn wir schon einmal dort waren, dann sind wir besser darauf vorbereitet, wenn das echte Leben uns in den Abgrund stürzt. Und: Bücher stürzen uns nicht nur in den Abgrund, sondern holen uns auch wieder raus.

Nachdem mein Held in einer Serie, die ich zugegebenermaßen in den letzten drei Wochen ein bisschen zu intensiv gesuchtet habe, gestorben war, habe ich sein Universum abrupt verlassen. Völlig unvorbereitet hatte dieser Tod mich tief getroffen, und um der Leere entgegenzuwirken, habe ich „Harry Potter und das verwunschene Kind“ gelesen. Und mein eigenes Universum war wieder in Ordnung.

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