Das Paris-Journal oder: „Was man halt so mitnimmt, wenn man übers Wochenende zu seinen Eltern fährt.“

Dienstag, 17. Januar 2017

„Was man halt so mitnimmt, wenn man übers Wochenende zu seinen Eltern fährt“, sage ich lässig zu meiner Freundin Sophie, die mich am Heidelberger Hauptbahnhof tränenreich (meine Tränen, nicht ihre) verabschiedet.

Mein Gepäck ist ungefähr das Gegenteil davon. Mit einem riesigen Backpacker-Rucksack und einem noch viel größeren Koffer mache ich mich auf den Weg nach Paris. Im Zug höre ich die Känguruh-Chroniken, merke, wie das Känguruh versucht, sukzessiv meine Einstellung zum Kapitalismus zu beeinflussen, und schlafe dabei ein. Und plötzlich bin ich da. Der Zug spuckt mich aus in einen riesigen Bahnhof, in dem anscheinend jeder genau weiß, wo er hinmuss. Zum Glück weiß es auch, und vorbei an Schildern, die den Fußweg vom Gare de L’Est zum Gare du Nord erklären (ja klar, zu Fuß mit DEM Koffer im Schlepptau – not.), mache mich zielstrebig auf den Weg in die Richtung, in der ich die Métro vermute. Als ich die schmalen Eingänge zur U-Bahn und die dahinterliegende Treppenschlucht in die Tiefe erblicke, entscheide ich mich spontan um. Bevor ich den Koffer einige Stockwerke nach unten und später wieder nach oben schleppe, gehe ich doch lieber zu Fuß und ziehe ihn hinter mir her. Endlich bin ich da und ab hier gibt es glücklicherweise Rolltreppen und Aufzüge.

Ich erreiche die Cité Universitaire, ein Campus für internationale Studierende (Gendergerechte Sprache: check!) und muss das Gepäck „nur noch“ durch den weitläufigen Park (der mir am nächsten Tag schon viel weniger weitläufig erscheinen wird) ziehen, dann stehe ich schon vor dem Maison Heinrich Heine, in dem ich das nächste halbe Jahr wohnen werde. Mit dem Einzug in dieses Wohnheim geht direkt einer meiner Lebensträume in Erfüllung: in einem Haus wohnen, das eine eigene Bibliothek hat – check!

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La Maison Heinrich Heine, im Bauhaus-Stil gehalten (und wie wenig das mit Baumarkt zu tun hat, könnt ihr hier nachlesen)

Die Anmeldung im Wohnheim gehört zusammen mit der Anmeldung in der Uni und den ersten Besuchen in den Kursen zu den drei großen Momenten, vor denen ich mich fürchte. Die junge Frau an der Rezeption spricht Gott sei Dank ein französisch-englisch-deutsches Mischmasch, nachdem sie merkt, dass ich von ihrem Französisch absolut nichts verstehe. Sie zeigt mir mein Bad, meine Küche, mein Zimmer, gibt mir alle wichtigen Unterlagen und so langsam realisiert der Rest von mir, was mein Kopf eigentlich schon immer wusste: Es gibt nichts, wovor ich mich fürchten muss. Es ist nichts schiefgegangen. Ich bin da. Aber dann ist der Rundgang beendet und ich verbleibe allein in meinem neuen Zimmer. Es ist der Moment, vor dem ich mich eigentlich hätte fürchten müssen. Ich bin ganz und gar allein. Weil ich weiß, dass eine Kontaktaufnahme mit Freunden und Familie zu Hause nur das Heimweh schüren würde, telegraphiere ich nach erfolgreicher Verbindung mit dem WLAN nur in aller Kürze an die wichtigsten Menschen, dass ich gut angekommen bin, und beginne damit, meine Koffer auszupacken, um das Zimmer zu meinem neuen zu Hause zu machen.

Mittwoch-Freitag, 18./19./20. Januar 2017

Die Informationstage an der Uni beginnen. Ich kaufe ein Einzelticket für den öffentlichen Nahverkehr, fahre zwei Stationen schwarz mit der Straßenbahn, weil ich den Validierungsautomaten nicht finden kann, und steige um in die Métro. Aus unerfindlichen Gründen war ich mir sicher, dass ich den kurzen Weg von der U-Bahn-Station zum Institut Catholique locker finden würde, und habe den Stadtplan nicht mitgenommen. Oh, diese Hybris. Ich laufe zehn Mal hin und her, kann das Schild mit dem richtigen Straßennamen nicht entdecken, kehre zurück zur Métro-Station und gebe auf. Für 99 Cent erwerbe ich ausreichend Datenvolumen, um mich von Google Maps zur Uni leiten zu lassen. Dort angekommen stellen sich meine Panik, dass ich schon mehr als zehn Minuten zu spät bin, als vollkommen unbegründet und meine Hoffnung, dass das ICP eine gute Studentenbetreuung (StudIERENDENbetreuung!) hat, als absolut richtig heraus. Eine Mitarbeiterin des Service International fängt mich direkt am Eingang ab und begleitet mich zum richtigen Raum – den ich übrigens tatsächlich auch alleine gefunden hätte, denn nach einmal rechts abbiegen und 20 Metern geradeaus sind wir bereits da und der Weg dorthin ist buchstäblich mit Willkommensplakaten gepflastert.

Ich bin NICHT zu spät gekommen, meine Erasmus-Koordinatorin und ihre Kolleginnen geben sich sehr viel Mühe und sprechen sehr langsam und deutlich (trotzdem verstehe ich gefühlt nur 10 % von dem, was sie sagen), es gibt Frühstück mit Saft und Kaffee und tausenden kleinen Mini-Croissants und bevor es „offiziell“ losgeht, hat man jede Menge Zeit, die anderen Erasmus-StudentInnen (weil „Studierenden“ irgendwie nicht so recht passen will, aber: Gendergerechte Sprache: check!) kennenzulernen. Wir sind circa 20 Leute aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Rumänien, Kanada, den USA, dem Libanon (also eigentlich nicht ausschließlich Erasmus) und ich bin überraschenderweise (not) die Einzige, die hier ist, um Germanistik zu studieren.

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fancy-schmancy petit déjeuner in der Universität

Am Abend lerne ich auch die ersten meiner Mitbewohner besser kennen. Obwohl es nicht gerade förderlich ist, mit anderen Deutschen zusammenzuwohnen, wenn man doch eigentlich französisch lernen möchte, bin ich doch sehr dankbar, dass ich mir von denjenigen, die schon länger hier wohnen, einige Tipps geben lassen kann. So verstehe ich zum Beispiel endlich WIRKLICH, wie ich mir Monatskarten für Bus und Bahn holen kann und welche Dokumente ich dafür brauche.

Die Info-Tage an der Uni beinhalten auch eine kleine Stadtführung durch das Viertel Saint-Germain, wo uns ein französischer Student alles Wichtige zeigt: den wunderschönen, aber momentan eisig kalten Jardin du Luxembourg, die nächste Post/Bank-Filiale, die Mensa der Universität und, ganz besonders relevant, McDonald’s und Burger King. Am Freitag machen wir eine (wiederum recht kalte) Schiffsfahrt auf der Seine, wo ich direkt prüfen kann, wie viel ich inzwischen verstehe: Der Tour Guide wiederholt alles auf französisch Gesagte noch einmal auf englisch. Ob meine Verständnis-Lücken an meinem schlechten Französisch oder seinem schlechten Englisch liegen, bleibt offen.

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Selfie neu erfunden: C’est moi, on a boat. 

Samstag, 21. Januar 2017

Schlafen.

Sonntag, 22. Januar 2017

+++ Achtung: Alle Kunst-Uninteressierten können den kompletten Sonntag getrost überlesen +++

Weil ich es gestern nicht geschafft habe, mache ich mich heute endlich auf den Weg ins Musée D’Orsay, denn ich möchte unbedingt eine Ausstellung zu amerikanischer Kunst aus den 30er Jahren besuchen, die nur noch bis Ende Januar zu sehen sein wird. Die Busfahrt gestaltet sich aufgrund einer Demonstration (zu französisch „manifestation, manifestation!“ und ein sehr häufiges Problem, wenn man hier mit dem Bus fahren möchte) schwierig und ich laufe das letzte Stück zum Museum an der Seine entlang durch den eisigen Wind. Dort angekommen muss ich relativ lange anstehen, weil jeder Tourist in Paris sowie die Einwohner mit ihren Kindern ebenfalls die Idee hatten, den Sonntagnachmittag im Museum zu verbringen. Außerdem muss ich an der Kasse direkt feststellen, dass ausgerechnet die Ausstellung, die ich sehen möchte, in einem anderen Gebäude ist. Daher kaufe ich direkt das Kombi-Ticket, damit ich im Lauf der nächsten Woche endlich Edward Hopper und Georgia O’Keeffe sehen kann.

Trotz dieser Enttäuschung gefällt es mir richtig gut. Das Musée D’Orsay befindet sich in einem ehemaligen Bahnhof und besitzt viele Meisterwerke des Impressionismus, die in einer Dauerausstellung zu sehen sind. Ich kann sehr stolz von mir behaupten, dass ich etliche der Bilder schon in früheren Impressionismus-Sonderausstellungen gesehen habe, aber die Hopper-O’Keeffe-Enttäuschung wird entschädigt durch Bilder von Gustav Caillebotte. Seine Bilder finde ich, neben denen von Berthe Morisot, wunderschön. Zwischen all den anderen Impressionisten (Monet, Manet, Renoir, Pissaro, Degas) geht Caillebotte in der Öffentlichkeit immer ein bisschen unter. Neu kennengelernt habe ich außerdem Frédéric Bazille, zu dem es momentan eine Sonderausstellung gibt und der als einer der ersten Impressionisten gilt.

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Die Haupthalle des Musée D’Orsay

Genug Museums-Nerdismus für heute. Abschließend meine Erkenntnisse der Woche:

  • Zuspätkommen ist unmöglich. Das Konzept existiert anscheinend nicht.
  • An einer roten Ampel zu warten ist verschwendete Zeit. Überhaupt sind Ampeln eher so als Richtlinien zu verstehen.
  • Wider aller Klischees über die Franzosen und das gute Essen ist hier das Mittagessen aus der Mikrowelle der absolute Renner.
  • Nach dem Museumsbesuch habe ich wieder einmal genügend nackte Frauenkörper für den Rest meines Lebens gesehen.

 

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