Das Paris-Journal: (K)eine Woche voller Uni

Montag, 23. Januar

Weil ich früh aufstehen muss und weil ich einfach todmüde war, bin ich gestern um 22:00 Uhr schlafen gegangen. Das ist circa zwei Stunden vor meiner üblichen Schlafenszeit, und konsequenterweise bin ich um 4:30 Uhr wieder aufgewacht. Danke dafür. Am Morgen bin ich etwas gerädert und überarbeite noch einmal meinen Stundenplan – plötzlich habe ich statt um 8:00 Uhr erst um 14:00 Uhr den ersten (und einzigen) Kurs des Tages.

Ich bin fünf vor zwei vor dem noch abgeschlossenen Raum und die einzige hier. Bevor ich ernsthaft anfangen kann, zu zweifeln, ob ich vor dem richtigen Raum warte, trudeln noch andere Studenten ein. Die Dozentin lässt allerdings auf sich warten. 10, 20, 30 Minuten – niemand weiß etwas und so langsam beschließen alle, dann eben wieder zu gehen. Ich bleibe allein zurück und warte noch einmal ein paar Minuten. Dann mache ich mich auf den Heimweg. Mein erster Tag an der Uni also: ohne Uni.

Dienstag, 24. Januar

Heute starte ich einen erneuten Versuch an der Universität. Wieder habe ich nur einen Kurs (nein, ich habe nicht GAR KEINE Uni, die ballt sich nur am Ende der Woche) und ich hoffe, dass dieser heute stattfindet. Und wieder bin ich fünf Minuten vor Kursbeginn die Einzige. Diesmal habe ich aber mehr Glück: Es kommt tatsächlich auch ein Dozent. Thema des Kurses: Übersetzen. In den ersten fünf Minuten auf französisch verstehe ich nichts. Was ich vermute, verstanden zu haben (wilde Spekulation): der Dozent hat bereits einen Text herumgeschickt (den ich sowieso nie erhalten hätte, weil ich erst übernächste Woche in meine Kurse eingeschrieben werde. Was ein System.), den aber anscheinend niemand erhalten halt. Vielleicht haben sie sich aber auch über das Wetter unterhalten. So weit, so gut, es geht los mit einem ausgeteilten Text. Ein Ausschnitt aus einem Roman von Friedrich Christian Delius, den wir live Stück für Stück ins Französische übersetzen. Das Prinzip gefällt mir eigentlich ganz gut, ich fühle mich zurückversetzt in den Latein-Unterricht, wo man auch stundenlang an einem ewig langen Satz geknobelt und sich Wort für Wort die Vokabeln erschlossen hat. Nur dass in diesem Fall die Ziel-Sprache die schwierigere ist – für mich zumindest, denn alle anderen übersetzen ja in ihre Muttersprache.

Mittwoch, 25. Januar

Heute: Keine Uni! Jawohl, die Woche geht so weiter wie sie angefangen hat. Zukünftig werde ich mittwochs einen Französisch-Kurs für Erasmus-Stundent*innen (gendergerechte Sprache: check!) haben, der wird allerdings erst im Februar beginnen. Ich nutze den Tag stattdessen, um das Musée de l’Orangerie zu besuchen. Es ist das Partner-Museum des Musée D’Orsay und ich will endlich die Amerikaner sehen!!!

Vorher mache ich übrigens noch einen Abstecher zu einem Bio-Öko-Laden, um eine Edelstahl-Lunchbox zu erwerben, mit der ich mich für die anstehenden langen Tage in der Universität (sofern sie denn jemals kommen werden) rüste. Dazu aber mehr in einem späteren Blogpost.

Das Museum liegt an der/am Place de la Concorde (französisch ist „der Platz“ feminin, deutsch aber maskulin, und ich bin überfordert). Zur Verortung für alle Paris-Kenner und nicht Kenner: läuft man vom Triumphbogen über die Champs-Élysées, gelangt man zur/zum Place de la Concorde, die/den man von Weitem schon am Riesenrad erkennt, dort geht es weiter durch den Jardin des Tuileries zum Louvre; dahinter wiederum befindet sich das Hôtel de Ville (aka Rathaus) und jenseits dessen das Marais (jüdisches Viertel, bzw. aktuell hippes Hipster-Viertel. Wie überall auf der Welt trägt man hier übrigens den hippen Einheitslook mit Carhartt-Mütze und Herschel-Rucksack. Ach, was sind wir doch alle individuell).

Mittendrin also das Musée de l’Orangerie. Es herrschen auch hier Anti-Terror-Sicherheitsvorkehrungen, bei denen man wie am Flughafen Taschen abgibt und einmal Daumen drückend durch den Metall-Türrahmen schreitet. Da ich EU-Bürgerin und unter 26 bin, ist der Eintritt für mich frei. Damit spare ich mir zugleich das Anstehen am Ticketschalter und zeige lediglich meinen Personalausweis vor (vermutlich ist DAS der Grund, warum es bei den Brexit-Wahlen einen so starken Generationen-Unterschied gab: die Ü50 Jährigen sind einfach sauer, weil sie trotz EU nicht umsonst in staatliche Museen kommen).

Jetzt also endlich: Amerikanische Kunst der 1930er Jahre. Es ist sehr viel los in dieser Ausstellung und über eine Reihe von grau-weiß behaarten Köpfen hinweg versuche ich, die ersten Info-Tafeln zu lesen. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Kunst ist größtenteils geprägt von den Konsequenzen des Börsen-Crashs 1929. Industrie-Landschaften, Massenarbeitslosigkeit, und die Flucht in die Welt des Kinos. Hierzu passt auch das Bild „New York Movie“ von einem meiner Lieblingskünstler, Edward Hopper. Es ist das erste Bild, das ich von ihm sehe, und ich erkenne es schon von Weitem. Lange stehe ich davor und es gefällt mir besser als das berühmte Bild „Gas Station“, das einen prominenten Platz am Ende dieser Ausstellung hat.

In der Dauerausstellung des Museums herrscht eine weit geringere Besucherdichte. Hier reihen sich, wie sollte es anders sein, die Kunstwerke des Impressionismus: Pierre-Auguste Renoir, Paul Cézanne. Daneben Picasso. Aber ein weiteres Highlight dieses Museums sind „Les Nymphéas“: die großformatigsten Seerosen-Bilder von Monet, die ich bisher gesehen habe. In zwei ovalen Räumen verschmelzen sie mit den Mauern, durch die Decke fällt gedämpftes weißes Licht und trotz der zahlreichen fotografierenden Touristen ist die Stimmung hier magisch. Ich bin entzückt von einem kleinen Mädchen, das unbeschwert an den Bildern entlangläuft. Es sieht aus, als würde sie gleich direkt die herabhängenden Zweige der Trauerweide mit ihren Fingern streifen.

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Monet und Mädchen

Donnerstag, 26. Januar

Endlich, denke ich mir, heute muss es klappen, auf meinem Stundenplan stehen fünf Kurse, das wird ein richtiger Tag an der Uni. Zum ersten Mal bin ich zu Stoßzeiten mit der Métro unterwegs und direkt komplett entnervt. Die ersten drei Züge lasse ich weiterziehen, ohne einzusteigen, weil die Leute bereits mit den Gesichtern an der Türscheibe kleben. Das bedeutet natürlich, dass locker noch Platz für zwei Personen mehr ist, aber das bin sicherlich nicht ich, sondern es sind skrupellosere Menschen, die innerhalb von Sekundenbruchteilen entschieden haben, dass sie definitiv noch in diesen Zug reinpassen. Irgendwann finde ich mich mit dem Gedanken ab, dass ich halt zu spät zum ersten Kurs kommen werde. Erstaunlicherweise bin ich doch schon kurz nach neun an der Uni und weil ich inzwischen weiß, wie der Hase läuft, mache ich mir gar nicht die Mühe, mich ans Ende der Einlass-Schlange zu stellen. Mein schlechtes Gewissen hält sich ausnahmsweise in Grenzen, was unter anderem daran liegt, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen schon meinen Studentenausweis in der Hand bereithalte und somit praktisch gar nicht zur Verzögerung des Einlasses beitrage.

Vor dem Raum steht niemand – noch niemand oder niemand mehr? Ich versuche zögerlich, die Tür zu öffnen. Abgeschlossen. Jemand kommt den Gang entlanggeeilt. Es ist der Dozent, und als er ebenfalls bemerkt, dass die Tür abgeschlossen ist, fragt er mich, ob ich den Code weiß. Nein. Er bittet mich also, auf seine Sachen aufzupassen, die er auf dem Boden abgeworfen hat, und eilt zurück ins Sekretariat, um den Türcode in Erfahrung zu bringen. In der Zwischenzeit kommt auch die anderen Studentinnen (jaaa, tatsächlich nur Frauen), und es kann losgehen. Leider nur für 30 Minuten, denn der Dozent hat noch einen Termin. Im Gespräch mit den anderen erfahre ich dann wie nebenbei, dass die nächsten drei Kurse übrigens ausfallen. Ich bin nicht wirklich überrascht.

Da ich bis zum Nachmittag Zeit habe, fahre ich mit dem Bus rüber ins Marais und laufe ein bisschen durch die Gegend. Es ist wunderbar sonnig.

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Im Hintergrund kaum zu sehen: der / die Place des Vosges
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Notre Dame, aus dem Bus fotografiert

Am Abend ein sehr unschöner Vorbote schlechter Zeiten: Halsschmerzen.

Freitag, 27. Januar

Ich wache auf und bin krank. Ich beschließe, erst auf 11:00 Uhr in die Uni zu gehen und nehme Aspirin. Damit bin ich erst mal für eine Weile ziemlich fit. Leider gibt es wieder einmal Änderungen im Stundenplan, sodass ich nicht um 15:00 Uhr, sondern erst um 17:00 Uhr den letzten Kurs habe. Bis dahin hänge ich vor mich hinvegetierend in der Cafeteria und will eigentlich nur ins Bett.

Obwohl ich total fertig bin, will ich es mir nicht nehmen lassen, am Abend beim Begrüßungs- und Kennenlern-Event im Wohnheim teilzunehmen. Es wird eingeladen zu typisch französischen Galette des Rois, womit man hier das Dreikönigs-Fest feiert, und wie immer habe ich keine Porzellan-Figur in meinem Kuchenstück.

Gegen halb zehn lege ich mich mit Gliederschmerzen und Schüttelfrost ins Bett. Schlafen ist schwierig, weil mir alles wehtut, und weil auf dem Flur viel Betrieb herrscht. Die Tür ist in etwa so schalldicht als wäre sie gar nicht vorhanden. Ständig höre ich Stimmen, Schritte, Klopfen an anderen Zimmertüren, das so laut ist, als wäre es an meiner eigenen. Bis ich irgendwann merke: Es klopft tatsächlich jemand an meiner Zimmertür. Es ist zwei Uhr morgens, mein Mitbewohner hat sich aus seinem Zimmer ausgesperrt, und über meinen Balkon möchte er rüberklettern zu seinem. Ich fühle mich wie im Film, als er über das Geländer nach außen steigt, und nur weil ich im Halbschlaf bin, habe ich lediglich ansatzweise Todesängste. Spoiler: Nichts Schlimmes passiert.

Samstag, 28. Januar

Ich stehe auf, frühstücke Schokomüsli mit Milch, und gehe wieder schlafen. Die Krankheit hat mich das restliche Wochenende über voll im Griff. Ich bleibe im Bett und hoffe, dass ich Montag wieder fit bin. Zum Glück werde ich nur einen Kurs haben, und ob der diesmal tatsächlich stattfindet, bleibt ohnehin ein Überraschungsei.

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