Das Paris-Journal: Manifestation, Manifestation

In Paris wird sehr häufig demonstriert. Man sitzt in seinem Bus und wundert sich vielleicht bereits, warum der seit einigen Minuten nicht weiterfährt, bis der Busfahrer (ich brauche an dieser Stelle nicht zu gendern, da bisher tatsächlich jedes persönliche Zusammentreffen einer Demonstration und meiner Busfahrt von einem männlichen Fahrer begleitet wurde) sich zu den Fahrgästen wendet und ruft: „Manifestation!“ Allgemeines, leicht genervtes, doch zugleich verständnisvolles „Ah“ der Fahrgäste ist die Antwort. Der Busfahrer schlägt seine Ersatz-Route vor, informiert, welches die nächste reguläre Haltestelle ist, die er wieder anfahren kann, und lässt alle, die sich spontan zu entscheiden, aussteigen. Dann brettert er in ordentlichem Tempo den Umweg entlang, wobei er gegebenenfalls doch noch einmal anhält, um Leute offroad in die Weiten der Stadt zu entlassen. Ich bin beeindruckt, wie entspannt und spontan alle Beteiligten mit dieser Situation umgehen.

Und mir ist klar: Wenn ich in Paris lebe, muss ich die Manifestation auch mal von der anderen Seite erleben. Als Teilnehmerin. Grund zu protestieren gibt es momentan ja (leider) genug, und als meine Mitbewohnerin mich beim Bar-Abend in unserem Haus einlädt, am nächsten mit zum NoBanNoWall-March zu kommen, zögere ich nicht lange und renne hoch in mein Zimmer, um meine papierne Einkaufstüte (in welcher ich zwei Wochen früher den halben Museums-Shop des Musée D’Orsay nach Hause transportiert habe) zu holen und gemeinsam mit den anderen Teilnehmerinnen fleißig Protest-Plakate zu basteln. Das kann ich übrigens auch ohne Demonstration empfehlen: Das großflächige Ausmalen der Buchstaben wirkt unglaublich beruhigend, das Wissen, dieses Plakat zur Verteidigung der Menschenrechte einzusetzen, schüttet Glücksgefühle aus, und vom penetranten Geruch des Eddings wird man obendrein ein bisschen high. Herrlich.

Samstagmittag, es ist so weit: Wir treffen uns frohen Mutes im Foyer des Hauses, um gemeinsam in den Kampf zu ziehen. Draußen regnet es. Aber das kann uns nicht aufhalten: Die Organisatorin der Demo hat in der zugehörigen Facebook-Veranstaltung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Teilnehmer wegen ein bisschen Regen ja wohl nicht zu Hause bleiben werden, wenn anderswo Menschen auf der Flucht nicht einmal vor Ozeanen zurückschrecken. Recht hat sie. Der Regen wird stärker.

Wir frieren sehr und sind dankbar um die lange Fahrt mit der U-Bahn. Gute Nachricht, als wir bei Trocadéro aussteigen: Hier regnet es nicht. Schlechte Nachricht: Es ist unglaublich windig. Meine Hoffnung, dass der Wind uns in unseren durchnässten Kleidern nichts anhaben kann, wenn wir uns in die Menge von 3000 demonstrierenden Menschen stürzen, wird leider zerschlagen. Aus unerfindlichen Gründen, die eventuell mit der Wetterlage zusammenhängen, haben anscheinend etliche der Teilnehmer beschlossen, nicht teilzunehmen. Kurz telefoniere ich noch mit meinen Eltern, die mir letzte gute Tipps mit auf den Weg für meine erste Demonstration geben („Lass dich nicht verhaften“). Etwa eine dreiviertel Stunde harren wir mit immer kälter werdenden Füßen auf dem Platz aus, während langsam weitere Leute eintreffen, und wir erklären uns bereit, ein Radio-Interview zu geben. „I am an exchange student from Germany“, sage ich, und die Antwort des Interviewers – „Yes, I can hear that“ – bringt mich dermaßen aus dem Konzept, dass ich noch ein freundliches „Thank you“ erwidere und danach nur noch Müll erzähle, den ich sofort so erfolgreich aus meinem Kopf verdränge, sodass ich mich jetzt nicht mehr daran erinnern kann. Gut, dass es für die Ewigkeit auf Tonband aufgenommen wurde.

 

img_5884

Nach einer gefühlten Ewigkeit marschieren wir los durch die Straßen von Paris und unter dem Eifelturm durch.

img_5897

Mein selbstgebasteltes „THE FUTURE IS FEMALE“-Plakat übergebe ich einem unserer männlichen Mitstreiter, denn von Amnesty International habe ich ein leuchtend gelbes Plakat bekommen, das auf der Rückseite kein riesiges Logo des Musée D’Orsay trägt.

img_5904

Während des Marschs wird mir wieder einmal bewusst, was für ein soziales Gruppentier der Mensch doch ist. Wie zuvor ersehnt strahlen die Menschen um mich herum endlich etwas von ihrer Körperwärme aus und meine Füße tauen langsam auf – auch die Sonne zeigt sich gnädig und blitzt hin und wieder zwischen den Wolken hervor.  Die gemeinsam oder im Kanon gerufenen Parolen und die zahlreichen kreativen Plakate, die so unterschiedlich sind und doch alle das Gleiche fordern, stärken das Gemeinschaftsgefühl aller Anwesenden.

img_5912
Dieses Plakat ist dem Bild „American Gothic“ von Grant Wood nachempfunden, das das Aushängeschild der Ausstellung über amerikanische Kunst der 30er Jahre im Musée D’Orsay war.

Nach den zwei Stunden in der Kälte bin ich unglaublich froh und dankbar, dass ich in einem Land lebe, in dem ich offen meine Meinung kundtun kann, ohne dafür verhaftet zu werden, und dass ich mich mit einer heißen Schokolade und einer langen, wasserverschwenderischen Dusche wieder aufwärmen kann.

Da ich euch Leserinnen und Leser gerade schon hier habe, möchte ich die Gelegenheit für einen klitzekleinen sprachwissenschaftlichen Exkurs nutzen, und es geht wieder einmal um mein Lieblingsthema: Metaphern. Für alle Einsteiger hier eine kurze Erklärung, was wir unter Metaphern verstehen: Eine Metapher ist eine Art bildhafter Vergleich. Was sie vom Vergleich unterscheidet ist das Weglassen der Vergleichspartikel „wie“. Ich nutze das Paradebeispiel für Metaphern der Literaturwissenschaft: „Er war ein Löwe im Kampf.“

Zum Vergleich: Bei einem Vergleich würde es heißen: „Er war wie ein Löwe im Kampf.“

Metaphern begegnen uns nicht nur, wenn wir Gedichte interpretieren. Wir benutzen in unserer Alltagssprache zahlreiche Metaphern, ohne es zu bemerken. Die Forscher George Lakoff und Mark Johnson gehen davon aus, dass unsere Art zu Denken Großteils metaphorisch abläuft. Um an dieser Stelle nicht zu weit ausholen zu müssen, kann ich jedem empfehlen, das Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht“ von George Lakoff und Elisabeth Wehling zu lesen. Worüber ich hier eigentlich schreiben möchte, hat zumindest ansatzweise mit der NoBanNoWall-Demonstration zu tun. Eine Metapher, die in den letzten zwei Jahren ausgiebig von deutschsprachigen Medien verwendet wurde: Die Naturkatastrophen-Metaphorik. Es gab auch bereits einige kritische Auseinandersetzungen mit dieser Metaphorik, die das Bewusstsein der Öffentlichkeit dafür sensibilisiert haben, was es bedeuten kann, wenn wir immer wieder Ausdrücke wie „Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingsstrom“ oder „Flüchtlingsflut“ in den Zeitungen lesen und auch selbst verwenden. Unbedingt empfehlen kann ich das Interview der Rhein-Neckar-Zeitung mit dem Germanistik-Professor Jörg Riecke zu genau diesem Thema (hier lesen). Bernhard Hoëcker hat in der NDR Talkshow die Zahl von zwei Millionen in Deutschland ankommenden Flüchtlingen mit den im Studio anwesenden Zuschauern verglichen: Wenn im Zuschauerraum 80 Leute sitzen, und zwei mehr kommen dazu, kann wohl kaum von einer Überflutung durch diese Personen die Rede sein.

Und hinter dieser Metapher steckt noch mehr. Nicht nur, dass Menschen sich in ihren von den Medien geschürten Ängsten überrannt oder eben überflutet fühlen, sie fühlen sich auch zum Handeln aufgefordert. In der Sprachwissenschaft nennt man das „Deontik“: Es ist die Komponente eines Wortes oder einer Phrase, bei der es sich um eine (versteckte) Handlungsaufforderung handelt. Als in Heidelberg vor wenigen Jahren Hochwasser herrschte, hat man gehandelt: um Häuser und Menschen zu schützen, wurden Dämme aus Sandsäcken am Neckarufer entlang gebaut. Als 2015 viele, viele Menschen aus Syrien nach Europa geflüchtet sind, hat man gehandelt: Durch den Bau von Zäunen und Mauern sollten diese Menschen an der Einreise gehindert werden.

Anstatt auf eine solche Metapher zurückzugreifen, kann man natürlich auch einen Schritt weitergehen und direkt sagen: „Wir bauen eine Mauer.“ (Und man kann sagen „Wir lassen die anderen dafür bezahlen“. Ach, wie gerne würde ich jedes Mal im Restaurant sagen: „Übrigens zahlen heute meine Freunde für mich“). Und man kann eine unsichtbare Mauer bauen, indem man Personen ihr Visum entzieht und sie so an der Einreise hindert. Spätestens dann sollten Menschen auf die Straße gehen und protestieren.

Ein Kommentar zu „Das Paris-Journal: Manifestation, Manifestation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s