Mein illegaler Freund

Diese Story liegt ziemlich genau ein Jahr zurück, und daher ist jetzt wohl ein guter Moment, um darüber, und alle Gedanken, die ich mir seither darüber mache, zu berichten.

Als ich in den Semesterferien im Februar für ein paar Wochen zu Hause bei meinen Eltern war, habe ich nicht nur in der elterlichen Bude abgehangen, sondern auch viel Zeit mit Freunden verbracht. Ich kam nachmittags aus Freiburg zurück und meine Mutter sagte im Scherz zu mir, ich sei so viel weg, dass sie schon vermute, dass ich einen illegalen Freund hätte. Natürlich weiß ich, was sie an dieser Stelle mit dem Wort „illegal“ meinte: „vor ihr verheimlicht“.

Aber das ist es nicht. Genauso wenig, wie ich in diesem Moment die rebellische 16-jährige war (und die ich nicht einmal gewesen bin, als ich tatsächlich 16 war. Oh, unschuldige Jugend), die nachts heimlich aus dem Fenster klettert und hinter einem Halbstarken mit halblangem Haar und Lederjacke aufs Motorrad steigt (denn genau so stelle ich mir die ideale jugendliche Rebellion vor), ja genauso wenig meint „illegal“ das gleiche wie „heimlich“.

„Mein illegaler Freund“, lautet der reißerische Titel des Textes (auf neudeutsch clickbaiting), und ich möchte ihn ein bisschen auseinandernehmen. Was folgt, ist deepe linguistische Theorie (so deep wie eine Einführung nun mal sein kann – es ist Erstsemester-Stoff), und ich weiß, dass sich die meisten von euch jetzt denken „Was labert die Alte heute für Zeug, ich will wissen, wie es an der Baguette-et-Croissant-Front aussieht“, ABER bitte bleibt bei mir oder schweiget für immer. Oder so ähnlich. Also.

Es gibt ein sprachwissenschaftliches Modell, das da heißt „Sprachakttheorie“ (nach Austin/Searle, niemand werfe mir Plagiat vor). Dieser Theorie zufolge stellt jede sprachliche Äußerung (z.B. ein Satz) einen sogenannten „Sprechakt“ dar. Der Akt des Sprechens, unschwer lässt sich erkennen, dass das Modell aus der Pragmatik stammt, also dem linguistischen Teilbereich, der sich mit dem Gebrauch, der Anwendung von Sprache beschäftigt. Ein solcher Sprechakt besteht aus vier Teil-Akten, die allesamt fancy Namen haben (außer Nr. 1, wie ich persönlich finde, kann er nicht ganz mit den anderen mithalten), die sich keiner zu merken braucht:

  1. Äußerungsakt
  2. Propositionaler Akt
  3. Illokutionärer Akt
  4. Perlokutionärer Akt

So weit, so gut. Viele, die sich zum ersten Mal mit diesem Modell beschäftigen, verstehen das im ersten Moment so, als ob diese vier Teilakte in dieser Reihenfolge nacheinander ablaufen. Nein. Es handelt sich einfach um verschiedene Aspekte, die von Bedeutung sind, wenn jemand etwas zu jemand anderem sagt. Hier kommen die Erläuterungen zu den Teilakten:

  1. Äußerungsakt. Das meint, dass jemand einen Satz ausspricht, oder auf Papier schreibt, oder als Whatsapp-Nachricht tippt: Er oder sie äußert sich. It’s as easy as that.
  2. Propositionaler Akt. Bezieht sich auf den Inhalt der Äußerung, auf die sogenannte Proposition. Es wird eine Aussage über die Welt gemacht, oder über einen Gegenstand oder einen Menschen in der Welt. Das Wort „Freund“ referiert zum Beispiel auf einen Menschen, und das Wort „illegal“ schreibt diesem Menschen eine Eigenschaft zu (letzteres nennt man Prädikation, muss sich aber auch niemand merken).
  3. Illokutionärer Akt. Beschreibt die Intention des Sprechers. Der Sprecher möchte mit seiner Äußerung zum Beispiel informieren, drohen, wünschen, befehlen, oder vielleicht auch alles gleichzeitig.
  4. Perlokutionärer Akt. Beschreibt die vom Sprecher intendierte Reaktion des Hörers. Klingt ein bisschen happig, ist aber auch ganz logisch. Mit dem, was ich sage, möchte ich eine bestimmte Reaktion bei meinen Zuhörern erreichen.

Ebenfalls wichtig zu bemerken: Erstens, die Proposition (= der Inhalt des Gesagten) kann wahr oder falsch sein. Ich denke, wir sind uns alle einig (Verschwörungstheoretiker weggehört!), dass die Aussage „Die Sonne kreist um die Erde“ falsch ist. Zweitens, sowohl die Illokution als auch die Perlokution können glücken oder nicht glücken. Nur weil es meine Intention ist, zu drohen, heißt das nicht, dass das von mir Gesagte auch beim Gegenüber bedrohlich ankommt. Nur weil ich mit dem Gesagten „Bitte gib mir den letzten Keks“ bewirken möchte, dass man mir gefälligst den letzten Keks reiche, heißt das nicht, dass das geschieht. Mein*e Freund*in kann ihn auch selbst essen (die Frage ist nur, ob wir danach noch Freunde sein werden).

Auf die weiteren Klassifizierungen von Sprechakten verzichte ich hier, weil es sonst zu ausführlich wird, und auch wenn ich gerade richtig linguistik-nerdig in Fahrt komme, kann ich mir vorstellen, dass es nicht allen so geht.

Zurück zum eigentlichen Thema. „Mein illegaler Freund“. Also: Objekte, Substanzen sind illegal; der Besitz von illegalen Objekten ist illegal; Handlungen sind illegal – weil sie verboten sind, weil sie gegen das Gesetz verstoßen. Ja, bestimmte menschliche Handlungen sind illegal. Wenn von einem „illegalen Einwanderer“ die Rede ist, dann meint das, dass DIE EINWANDERUNG illegal ist. Aber der Mensch ist es nicht. Was passiert, wenn wir einen Menschen als illegal bezeichnen, wenn wir ihm die Eigenschaft „illegal“ zuschreiben, ist Folgendes: wir setzen diese Person mit Objekten/Substanzen/Handlungen gleich. Und das ist nichts Anderes als Dehumanisierung. Wir sprechen einem Menschen das Menschsein ab.

Ich weiß, dass das definitiv nicht das war, was meine Mutter sagen wollte. Ich weiß nicht genau, was ihre Intention war, als sie das sagte, und ich weiß nicht, was sie erhofft hat, wie ich reagieren würde. Vermutlich sollte ich einfach nur erklären, warum ich so viel Zeit außerhalb ihrer Reichweite verbracht habe. Aber da sie (auch wenn es allen, die mich schon mal beim Malefiz/Risiko/Insert-any-Game-here-Spielen oder am letzten Samstag vor Weihnachten in der Heidelberger Fußgängerzone erlebt haben, schwerfallen mag, das zu glauben) eine idealistische Gutmenschin zur Tochter hat (damit bin ich gemeint, nicht meine Schwester; die sind realistisch und studieren etwas Anständiges), wurde aus dieser leichthin dahergesagte Aussage ein politisches Plädoyer mit dem Resümee: Kein Mensch ist illegal.

Und warum leichthin Dahergesagtes so viel destruktiver sein kann, als geplant, habe ich hier schon einmal beschrieben.

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