Warum wir konstruktiven Journalismus brauchen

„Schulz und Böhmermann“, ein abgefahrenes Sendungsformat, in das ich mal reingeschaut habe, Anfang 2016 (Staffel 1, Folge 2, um genau zu sein): Dort hat Nora Tschirner Werbung gemacht für eine „neue Art der Berichterstattung“. Konstruktiven Journalismus im Allgemeinen, und das Nachrichtenmagazin Perspective Daily, das sich gerade in der Crowd-Funding-Phase befand, im Besonderen. Das Konzept hat mich von Anfang an überzeugt, aber erst jetzt, mehr als ein Jahr später, habe ich Perspective Daily endlich abonniert und fühle mich berechtigt, offiziell Werbung dafür zu machen (die Zeit des „Hey, dieses Nachrichtenmagazin finde ich super, du solltest Mitglied werden, ich bin selbst aber übrigens keins und nehme immer nur die gratis Probelesen-Artikel mit“ ist vorüber!).

Ich wollte früher gerne selbst Journalistin werden. Karla Kolumna, die rasende Reporterin, wurde als mein Vorbild betrachtet. Aber irgendwie sprach dann doch ziemlich viel dagegen. Ein diffuses Gefühl des übermächtigen Konkurrenzdrucks, als ich in der Oberstufe war. Als ich noch während der Schulzeit ein einwöchiges Praktikum bei der Badischen Zeitung gemacht habe, waren wir in diesem Zeitraum in der Lokalredaktion Bad Krozingen zu zweit, in Freiburg gab es mindestens vier Praktikanten. Als es auf die Wahl des Studienfaches zuging, wollte jeder dritte gerne „irgendwas mit Medien“ (wie erfrischend, dass ich diese abgedroschene Phrase wirklich schon länger nicht mehr gehört habe!) machen. Ich habe außerdem gemerkt: Zeitungsartikel schreiben ist mir oft nicht kreativ genug.

Immer wieder bekomme ich vermittelt, dass die Journalismus-Branche im Großen und Ganzen den Bach runtergeht. Bald werden keine Journalisten mehr gebraucht, weil Computer automatisch viel effizienter neue Nachrichten generieren können, habe ich einmal in einer Zeitung gelesen. Obwohl ich mich mit Computerlinguistik so wenig auskenne, als wäre es nur Computer und gar nicht Linguistik, bleibe ich dieser Aussage gegenüber skeptisch. Der Qualitätsjournalismus wird weniger. Ja, das stimmt, oder vielleicht wird der Qualitätsjournalismus nicht weniger, aber der qualitativ weniger hochwertige Journalismus wird immer mehr? Es gibt inzwischen zahllose Plattformen, die im Internet kostenlose Nachrichten anbieten, und alle großen Zeitungen der Printbranche sind gezwungen, mitzuziehen.

Die Art und Weise, wie Zeitungsartikel derzeit promoted werden, stört mich extrem. Stichwort Clickbaiting. Dahinter steht allzu häufig ein inhaltsloser, stilistisch fragwürdiger Text, den ich mir gleich hätte sparen können. Und, wie gesagt, die Zeitungen, die ich eigentlich schätze, bleiben davon nicht gänzlich verschont.

So gern ich die ZEIT auch lese, ich bin zurzeit sehr am Überlegen, sie bei Facebook zu de-abonnieren, weil mich die Posts im 20-Minuten-Rhythmus zunehmend stressen. Ich kann nicht jeden Artikel lesen, manchmal merke ich erst viel später, dass der eben gelesene Artikel aus dem Archiv und bereits vier Jahre alt ist, und die Person, die bei der ZEIT hinterm Rechner sitzt und die Texte für die Facebook-Teaser verfasst, würde ich gerne einmal ein bisschen durchschütteln, denn abgesehen von gelegentlichen Rechtschreibfehlern, über die ich großmütig hinweglese, nerven mich die teils reißerischen Formulierungen, die letztlich so gar nichts mit dem Artikel zu tun haben.

Aber nochmal zurück zum Thema Journalismus und Journalist sein: Ein radikales Negativ-Erlebnis für mich war das Heidelberger Symposium Grenzen[los] im Jahr 2014, bei dem Schirmherr Frank Plasberg zynisch und ziemlich von sich selbst überzeugt allen jungen Menschen davon abgeraten hat, Journalist*in zu werden (oder habe nur ich das so empfunden? Hier habe ich einen Artikel gefunden, der Ähnliches berichtet).

Selbst an eine journalistische Karriere denken war also nix, nur online Artikel lesen wie bei der ZEIT irgendwie auch nicht. Und mit der klassischen Zeitung bin ich ebenfalls nicht richtig zurechtgekommen: Ich hatte immer wieder gerne die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung im zweiwöchigen Probeabo, aber ich bin an der Papierflut schier verzweifelt. Natürlich habe ich es nie geschafft, die komplette Zeitung zu lesen, und zu wissen, dass am nächsten Tag schon wieder die übermächtige Menge an Text vor der Haustür liegen wird, hat mich in den Wahnsinn getrieben.

Ein letzter Schweif, bevor ich endlich zurück zu Perspective Daily komme: Die BILD-Zeitung. Mein persönlicher Endgegner. Wann immer ich im Supermarkt an der Kasse stehe, muss ich sie sehen (zum Glück zurzeit leider nicht, danke dafür, Paris), und ich kann sie nicht leiden. Ja, ich teile die umstrittene Meinung, dass bei der BILD-Zeitung gut ausgebildete Journalisten sind, die gute Arbeit machen. Sie wissen, wie man mit Worten umgeht. Sie wissen, wie man mit Worten Emotionen wecken kann. Aber sie verwenden sie meiner Meinung nach zu einem völlig falschen Zweck: Um Angst und Hass zu schüren, wie auch die Ärzte in ihrem Song „Lasse redn“ schon festgestellt haben.

Bei all den unschönen Dingen, die in letzter Zeit in der Welt passiert sind, habe ich letztes Jahr einige Zeit lang fast keine „normalen“ Nachrichten gesehen/gelesen, sondern überwiegend Satire-Sendungen (heute Show, Neo Magazin Royle, Extra3, und, um noch eine Frau hervorzuheben, Pussy Terror TV von Carolin Kebekus), weil es die einzigen Medien waren, die all die politischen Entscheidungen, die mir so absurd vorkamen und die doch bittere Realität waren, in für mich erträglicher Weise aufbereitet haben.

Demgegenüber steht nun Perspective Daily, die ich eigentlich schon beim Crowdfunding unterstützen wollte, die ich eigentlich schon seit Monaten abonnieren wollte, und die ich endlich mit einem großen Sprung über mein „eigentlich“ nach dem zweiwöchigegen Probe-Abo for real abonniert habe.

Bei Perspective Daily gibt es einen Zeitungsartikel pro Tag, und in all der Nachrichtenflut dieser Welt bin ich darüber wahnsinnig dankbar. Ich merke schon, wie mir allein dieser Artikel, für den ich nur circa 10 Minuten Lesezeit brauche, zu schaffen macht, und das finde ich sehr erschreckend. Ihn zu lesen lohnt sich aber jedes Mal. Er ist sachlich geschrieben, wahnsinnig gut recherchiert, legt zahlreiche Quellen offen und bietet an vielen Stellen kleine aufklappbare Zusatztexte mit Hintergrundinformation. Gerade Letzteres ist ein Segen, denn allzu häufig wird zum Beispiel historisches Hintergrundwissen in Zeitungsartikeln einfach als gegeben vorausgesetzt, oder, ein Phänomen, das mir immer wieder negativ auffällt: Man verpasst die Erstberichterstattung über ein Ereignis und findet bei der wochenlangen Folgeberichterstattung einfach nicht heraus, was eigentlich der Kern der Dinge ist (und muss sich beispielsweise in der Böhmermann-Affäre, dem Diesel-Skandal oder was auch immer erstmal anrecherchieren, was zur Hölle eigentlich passiert ist. Schweden? Was ist gestern Abend in Schweden passiert????). Nicht so bei Perspective Daily. Es sind Artikel, die wirlich mit Inhalten überzeugen. Und, wir kommen zum besonders konstruktiven Teil des konstruktiven Journalismus: Die Lösungsansätze präsentieren. Gegen den Pessimismus der Zeit, dass der Klimawandel unaufhaltsam ist und dass die Flüchtlinge uns lawinenartig überfluten und dann auch noch unsere Kinder fressen.

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