Kann man Kleidung konsumieren?

Ich rolle ein Thema auf, das mich schon seit Längerem beschäftigt, und das so komplex ist, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich beginnen soll. Es geht letztendlich auch um so viel mehr als Kleidung, nämlich um einen ganzheitlich gesunden, nachhaltigen, umweltbewussten, fairen und *insertanyHochwertwort* Lebensstil, aber ich will versuchen, mich erst einmal auf Kleidung zu beschränken.

Jeder Mensch hat diese Momente im Leben, in denen er beschließt, sofort und durch und durch etwas zu ändern. Häufig korreliert das mit dem Zeitraum Ende Dezember/Anfang Januar. Ich hatte einen solchen Moment irgendwann im Oktober. Ich habe damals den festen Entschluss gefasst, meine Kleidung ab jetzt definitiv nur noch entweder gebraucht oder von nachhaltig, fair, biologisch, *insertanyHochwertwort* produzierenden Unternehmen zu kaufen (damals mit einer Ausnahme: Schuhe. Warum eigentlich?, frage ich mich heute.). Wie das so ist mit den guten Vorsätzen, man bricht sie bevorzugt Anfang Januar, und so war es auch bei mir: Am ersten möglichen Tag des Jahres überhaupt, nämlich dem 2. Januar, habe ich bei H&M ein Paar Schuhe gekauft. Und mich danach sehr geschämt.

Um mich an all die guten Gründe zu erinnern, warum ich eben NICHT mehr Schuhe bei H&M kaufen wollte, habe ich die Dokumentationen „The True Cost“ (mit französischem Untertitel, weil frisch in Paris angekommen!) und „Die Altkleiderlüge – wie Spenden zum Geschäft werden“ angeschaut. Den Tipp zu diesen Dokumentationen habe ich auf dem Blog Dariadaria von Madeleine Alizadeh gefunden, den einige von euch, wie ich zufällig weiß, kennen, und den alle anderen unbedingt einmal besuchen sollten. Ihr findet dort auch alle wichtigen Informationen zum Thema Fair Fashion verständlich und trotzdem tiefgehend aufbereitet, falls ihr euch selbst dafür interessiert (und das solltet ihr!). Einen Einblick in die Arbeit von Madeleine Alizadeh bekommt ihr in ihrem TED Talk, der by the way eine der besten Reden ist, die ich je gesehen habe.

Schlagworte zum Thema sind Fast Fashion und Konsumgesellschaft. Das Wort „Konsum“ ist mir zuletzt begegnet und stark hängengeblieben, als Roman Kress, Inhaber und Koch des veganen Restaurants Leaffood in Mannheim (es ist das beste Restaurant der Welt, ihr solltet unbedingt einmal dort essen, und für diese Werbung werde ich leider nicht bezahlt), in einem Interview zu mir sagte: „Die meisten Menschen machen sich keine Gedanken über ihren Konsum und konsumieren einfach.“

Konsum, Konsum, Konsum. Ich würde nicht Germanistik studieren, wenn ich nicht den Drang hätte, einmal nachzulesen, was das Wort eigentlich bedeutet. Erste Anlaufstelle, as usual, duden.de.

Konsum bedeutet nach der Duden-Definition: „(bildungssprachlich) Verbrauch (besonders von Nahrungs-, Genussmitteln); Verzehr, Genuss“;

das dazugehörige Verb konsumieren „Konsumgüter, besonders Verbrauchsgüter verbrauchen“

Dass Roman das Wort benutzt hat, ist völlig logisch, bei ihm geht es schließlich um Nahrungsmittel, also Verbrauchsgüter, wie der Duden schreibt. Was bleibt, ist die Frage, warum auch in Bezug auf Kleidung immer wieder von Konsum gesprochen wird. Denn ein T-Shirt ist ja nach einmal Tragen nicht verschwunden wie ein gegessener Apfel, eine geschluckte Tablette, eine gerauchte Zigarette, eine Portion Zahnpasta.

Nächste Anlaufstelle: PONS, diesmal im Bereich Deutsch – Latein, wo ich nach Übersetzungen für „consumere“ suche. Die Verwendungsweisen sind vielfältig und reichen von „aufbrauchen, verbrauchen“, „verzehren“ über „verprassen, vergeuden“ (bezogen auf Geld oder auch Ruhm – hä?), „verbringen, zubringen; unnütz verstreichen lassen“ (Zeit), „aufwenden, aufbrauchen, verschwenden“ bis hin zu „hinraffen, umbringen, töten“ (Ah, die Römer mal wieder). Neben der Grundbedeutung „aufbrauchen“ sticht hier auch der Aspekt der Verschwendung ins Auge, was vielleicht schon eher zur Konsumgesellschaft passt.

Verbrauchen und Verschwenden. Ich habe mir einmal eine Box mit Nylon-Söckchen gekauft. Durch eine Öffnung an der Oberseite kann man nach und nach die Sockenpaare herausziehen wie bei einer Box Papiertaschentücher. Beim Tragen der Socken wird mir klar, warum sie so günstig waren (5 Euro für 15 Paar Söckchen!): Schon beim ersten Tragen gehen manche davon kaputt, und die anderen leben auch nicht wirklich viel länger. Und plötzlich ist es genau das: Ich konsumiere diese Socken. Ich habe mir einen Sockenspender mit Einweg-Kleidungsstücken zugelegt.

Und das ist erst der Anfang. Das T-Shirt für 5 Euro hat nach wenigen Malen Tragen Löcher unter den Armen. Die Jeans für 10 Euro ist aus so dünnem Stoff, dass der nach kürzester Zeit an Innenseiten der Oberschenkel aufschubbert (Word kennt das Wort „aufschubbern“ nicht. Wie heißt das denn richtig, Leute?? Bitte um Rückmeldung) oder Risse bekommt (besonders, wenn man ein paar Mal damit Fahrrad gefahren ist!). Kleidungsstücke gehen in der Waschmaschine ein, obwohl ich sie im Wollprogramm kalt wasche. Aufgestickte Verzierungen lösen sich ab. Alles muss ständig ersetzt werden. Und, seien wir ehrlich: Auch das, was nicht ersetzt werden muss, wird ersetzt. Also wieder: Konsum, Konsum, Konsum.

Es ist ein Konsumverhalten mit fatalen Folgen. Dass ständiges Shoppen stark am Budget kratzt und dass ständiges Shoppen eigentlich gar nicht wirklich glücklich macht, steht dabei erstmal an letzter Stelle. Es geht um die Umwelt und es geht um meine Mitmenschen. Jedes für die Kurzlebigkeit produzierte Baumwoll-T-Shirt bedeutet Überbewirtschaftung von Grund und Boden, jedes synthetische Teil (wie Nylon-Söckchen) bedeutet Plastikmüll. Alle diese Teile bedeuten, dass die Menschen, die sie hergestellt haben, mehr als unterbezahlt sind. Wenn ich Menschenrechte verteidigen möchte, dann reicht es nicht, mich gegen den Aufschwung rechtsgesinnter Parteien in der (nicht nur) europäischen Politikszene auszusprechen (wie ich es hier oder hier getan habe), es bedeutet auch, die konventionelle Modeindustrie nicht zu unterstützen. Und andere zu inspirieren, das Gleiche zu tun.

 

PS: Leider habe ich von Paris aus keinen Zugriff auf den linguistischen Bestand der Universitätsbibliothek Heidelberg. Wer sich über die Definition von „Hochwertwort“ informieren möchte, begnüge sich vorerst mit dem entsprechenden spärlichen Wikipedia-Artikel.

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