Das große Ganze oder „Was hat Öko-Essen mit Menschenrechte zu tun?“

Vielen Dank für diese philosophische und grammatikalisch fast völlig korrekt gestellte Frage, lieber Marten. Ich möchte sie dir und allen anderen heute beantworten.

Wie so oft weiß ich nicht ganz genau, wo ich anfangen soll, also versuche ich noch einmal zu rekapitulieren, was in meinem Leben in den letzten Monaten so passiert ist. Ich habe wahnsinnig viele Blog- und Zeitungsartikel, Dokumentationen und persönliche Gespräche zu den Themen Modeindustrie, Umweltverschmutzung (Plastik! Silikone! Pestizide!), Klimawandel, Ernährung (warum bio? Wie können wir langfristig 8 Milliarden Menschen satt bekommen?), Massentierhaltung, Menschenrechte und Feminismus gelesen, geschaut, geführt. Ich habe mich von Personen aus meinem Umfeld inspirieren lassen. Von meiner Mutter, die in ihren 20ern genauso gedacht hat wie ich jetzt denke (und da ist er, der erste Schritt in Richtung „Ich werde zu meiner Mutter“). Von meiner Schwester, die mit dem Green Lifestyle Magazin eine der informativsten Zeitschriften abonniert hat, die ich je gelesen habe. Von Simone, die keine Kleidung aus tierischen Produkten kauft. Von Roman, der vegan, nachhaltig, saisonal, regional und vor allem lecker kocht. Von Nicoline, die sich die Zähne mit selbst gemachter Zahnpasta putzt. Von all den Bloggerinnen und Youtuberinnen, die ihre Haare mit Roggenmehl waschen. Von Maggie, die ihre Produkte von Unternehmerinnen kauft, die eine handgeschriebene Notiz mitschicken, und die in ihren Mails ganz selbstverständlich immer gendergerechte Sprache verwendet. Von Sophie, die für Amnesty International spendet.

Der Grund, warum ich angefangen habe, mich übermäßig intensiv mit diesen Themen auseinanderzusetzen, ist kein allzu schöner. Es war ein Versuch, mich von meinen persönlichen Problemen abzulenken. Warum traurig sein, wenn man stattdessen versuchen kann, die Welt zu retten?

„Es ist eine Illusion, dass alles gut wird.“

Das hat einmal jemand zu mir gesagt und seither kämpfe ich mit allem, was ich habe gegen diese Aussage an. Denn ja, vielleicht wird die Welt niemals gut sein. Aber ich möchte es wenigstens versucht haben.

Was hat nun „Öko-Essen“ mit Menschenrechten zu tun? Was hat der Klimawandel mit meinem T-Shirt zu tun? Die Antwort ist: Alles. Es beginnt beim Einsatz von Pestiziden, von denen Bauern, die damit in Kontakt kommen, schwer krank werden. Bei der Übernutzung von Böden, nicht nur beim Anbau von Nahrungsmitteln, sondern auch von Baumwolle, aus der dann von unterbezahlten Arbeiter*innen zu billigen T-Shirts verarbeitet wird, welches nach kürzester Zeit etliche Löcher hat und dann in den Müll geschmissen wird. Es beginnt bei Ölbohrinseln zur Erdölgewinnung, die die Tierwelt in den Ozeanen in höchsten Maß negativ beeinflussen – wusstet ihr, dass Wale über mehrere tausend Kilometer hinweg miteinander kommunizieren können? Dass diese Kommunikation durch die Geräusche von diesen Ölbohrinseln massiv gestört werden? Schon mal versucht, auszuschlafen, aber die Baustelle auf der anderen Straßenseite startet den Tag morgens um sieben mit dem Presslufthammer? Aber die Gewinnung des Erdöls ist ja erst der Anfang. Es landet als Benzin in unseren Autos und treibt Luftverschmutzung und Klimaerwärmung voran. Es wird zu Plastik verarbeitet und ist überall zu finden. In unserer Polyester- und Acrylkleidung. In der Einwegverpackung von Lebensmitteln. Es ist in zahlreichen Kosmetikprodukten zu finden, und zwar nicht nur in Form von Plastikverpackung, sondern auch als Inhaltsstoff.

Erdöl ist eine endliche Ressource, die wir schneller aufbrauchen, als sie produziert wird. Schon lange kursieren Statistiken, denen zufolge es in wenigen Jahrzehnten kein Erdöl mehr geben wird. Das hängt natürlich erstens davon ab, wie der weltweite Verbrauch (aka Konsum) von Erdöl sich weiterentwickelt, und zweitens davon, wie sich die Fördermöglichkeiten von mehr Öl weiter verbessern werden. Aber nur, weil es vielleicht doch noch für lange Zeit billiges Öl geben wird, heißt das trotzdem nicht, dass wir es weiterhin so stark verbrauchen sollten. Denn der CO2-Ausstoß von Autos und der Plastikmüll sind damit nicht aus der Welt. Tatsächlich ist der Plastikmüll einfach nur dort, wo wir nicht jeden Tag damit konfrontiert werden: In den Weltmeeren. Als hätten die Wale nicht schon genug Stress.

Und das ist der Grund, warum ich mein H&M-Shirt nicht bei H&M, sondern bei Kleiderkreisel kaufe. Warum ich wütend werde, wenn mein Papa meine drei losen Äpfel irgendwann zwischen Gemüseabteilung und Kasse in eine Plastiktüte gepackt hat. Warum ich zwar selbst leider noch etliches in Plastik Verpacktes kaufe, aber Zucker, Mehl, Nudeln, Haferflocken bei einem verpackungsfreien Supermarkt (so einen gibt es übrigens auch in Heidelberg!). Warum ich mich mit den wahnsinnig gut untermauerten und lösungsorientierten Zeitungsartikeln von Perspektive Daily auf dem Laufenden halte. Warum sich die Leute, die mir sagen „Ich finde das so bewundernswert, aber ich könnte das nicht“, mit diesem Satz genauso gut den Allerwertesten abwischen könnten.

Aber solange wenigstens 10 Menschen diesen Text lesen und sich davon wenigstens einer dazu berufen fühlt, auch etwas zu ändern, werde ich nicht aufhören, daran zu glauben, dass alles gut wird. Denn es macht viel mehr Spaß, gemeinsam mit Christina und Sophie auf dem Flohmarkt Schnäppchen-Kleidung zu kaufen als alleine. Und es macht viel mehr Spaß, Anika mit in den Unverpackt-Laden zu nehmen und sich gemeinsam die weltgeilste Haselnuss-Schokocreme der Welt zu kaufen.

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