Das Paris Journal: Küchengespräche

In meiner Küche in Paris spricht man deutsch. Und französisch. Und englisch. Und ein paar weitere Sprachen, von denen ich keine auch nur ansatzweise verstehe, die ich aber immerhin identifizieren kann, wie spanisch, arabisch, manchmal italienisch. Und manchmal klingt das, was ich höre, vollkommen fremd.

Obwohl in unserer Küche (nicht nur nach Meinung der Hausleitung) zu viel deutsch gesprochen wird, ist es der Ort, an dem ich in Paris am meisten gelernt habe. Es heißt, diese Küche ist ein schwarzes Loch: Man möchte sich eigentlich nur kurz einen Tee machen, trifft dabei zufällig auf andere Leute, und es endet damit, dass man stundenlang sitzen bleibt und Diskussionen über die unterschiedlichsten Themen führt. Der Ausdruck könnte sich aber auch darauf beziehen, dass auf dem Tisch zurückgelassenes Essen innerhalb kürzester Zeit ins Nichts verschwindet und lediglich der dreckige Teller übrigbleibt.

Über französische Alltagswörter wie „Topf“, „Pfanne“, „Messer“. Wie ich anderen auf französisch erzählen kann, was ich am Wochenende gemacht habe oder vorhaben werde. Wie unterschiedlich das Französisch von Menschen mit verschiedenen Muttersprachen klingt. Dass die Angst, mein Englisch würde schlechter werden, wenn ich es annehme, mehr französisch zu sprechen, vollkommen unbegründet ist, und dass der Platz für englische Vokabeln in meinem Gehirn davon nicht weniger wird.

Über meine eigene Sprache. Ich habe gelernt, Dinge, die für mich vollkommen selbstverständlich waren, zu hinterfragen. Warum man auf die Frage, wieviel Uhr es ist, problemlos statt „zehn Uhr“ nur „zehn“ sagen kann, aber niemals „zweiundzwanzig“ statt „zweiundzwanzig Uhr“. Dass man sich zur Begrüßung einen „Guten Abend“ und zum Abschied einen „Schönen Abend“ wünscht. Dass es Regeln für die Reihenfolge von Satzteilen gibt, die Nicht-Muttersprachler viel besser erkennen können.

Darüber, wie sehr sich Menschen nicht nur in ihren Studienfächern, sondern auch in ihren Essgewohnheiten unterscheiden. Dass manche sich in aller Ruhe ein Müsli aus ihrem privaten Baukastensystem zusammenstellen, während andere nur schnell Cornflakes und Milch in ihre Schale kippen. Dass manche zum Frühstück Kekse in ihren Tee tunken und dazu einen Apfel in sehr, sehr dünnen Schnitzen essen, dass der Sandwich-Maker täglich zum Einsatz kommt, dass manche Küchenschränke überquellen und in anderen nur eine Packung Tee und zwei Dosen Thunfisch stehen. Und dass eigentlich jeder gerne bruncht, und bei so einer Gelegenheit auch plötzlich 15 Leute in die Küche passen.

Dass ein Grundstock an Sauberkeit und Rücksichtnahme essentiell ist, wenn man sich die Küche mit 16 Mitbewohner*innen teilt. Es ist der Ort, an dem ich gelernt habe, mein Geschirr wann immer möglich sofort abzuspülen (und es tut mir leid für meine ehemalige Mitbewohnerin Carina, dass ich das früher noch nicht konnte), weil es kaum Geschirr gibt und es ständig von anderen Menschen gebraucht wird. Dass diejenigen, die andere am lautesten zur Sauberkeit mahnen, selbst nicht immer die ordentlichsten sind. Dass man schlechten Gewissens zum Milchdieb werden muss, weil andere die eigene Milch geklaut haben. Dass es immer Menschen gibt, die sich mehr um Gemeinschaftsräume kümmern als andere.

Dass ein Ort zum Abbild einer Stimmung werden kann. Am zunehmenden Chaos, das in den letzten Wochen in unserer Küche geherrscht hat, kann man sehen, wie für viele für uns die letzten Tage in diesem Haus angebrochen sind. Ich bin abgestumpft gegen den Berg dreckigen Geschirrs in der Küche, weil ich mir dachte „Bald bin ich weg“. Ich bin nicht traurig und noch nicht einmal verwundert, dass die von mir mitgebrachte Tasse, die ich für die Allgemeinheit in unserem Küchenschrank ausgesetzt hatte, und die immer wieder wochenlang verschwunden war und doch immer wieder aufgetaucht ist, inzwischen keinen Henkel mehr hat (und mir wurde recht bald klar, dass in meinem Gepäck ohnehin kein Platz sein würde, um diese Tasse wieder mit nach Hause zu nehmen).

Diese Küche ist der Ort, an dem ich in den letzten Monaten am meisten gelernt habe, am meisten gelacht habe, und der Paris für mich zu einem Zuhause gemacht hat. Und sie ist der Ort, den ich, nachdem ich heute Morgen zum letzten Mal dort gefrühstückt habe, am meisten vermissen werde.

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