Rechtschreibpolizist und Grammatikfetischistin: 5 ½ Mythen über SprachwissenschaftlerInnen

Viele Menschen können sich gar nicht richtig vorstellen, was ich in meinem Studium eigentlich mache, und haben so ihre ganz eigenen verqueren Gedanken darüber, was und wie Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler arbeiten, lieben und leben. Deshalb möchte ich heute mit fünf Unwahrheiten aufräumen, die mir immer wieder begegnen.

1. Wir lernen im Studium den Duden auswendig.

First things first. Wir machen im Studium den ganzen Tag nichts Anderes als Duden lernen. Oder Lexikon. Ist noch eine Fremdsprache dabei, ist die Auswahl noch größer und man kann sich gar nicht entscheiden zwischen Englisch-Englisch (*insert any Fremdsprache) und Englisch-Deutsch und Deutsch-Englisch…

Marius’ strammer Plan in der Anglistik lautet: erstes Semester A-M, zweites Semester O-Z. Kurz vor der Masterprüfung fällt ihm dann wohl auf, dass er nie die Rubrik N gelernt hat.

Nein, wir lernen genauso wenig Duden wie Geographinnen Hauptstädte lernen. Was ich stattdessen mache (und andere Linguist*innen machen andere Dinge), habe ich hier beschrieben.

2. Wir hassen Dialekte, Dialekte sind falsch, wer Dialekt spricht, kann nicht richtig sprechen.

Sprachwissenschaftler*innen LIEBEN Dialekte. Sie bedeuten sprachliche Vielfalt und besonders begabt sind Menschen, die zwischen Dialekt und Standardsprache mühelos hin- und herwechseln können. Manchmal frage ich mich, an welchem Punkt aus normalen Studierenden plötzlich Dialektliebhaber werden. Ich glaube, am Anfang steht die Neugier:

Es beginnt damit, dass man im Heiligtum der Studentischen Tagung Sprachwissenschaft, dem StuTS-Buch, die Frage „Wie sagt ihr dazu?“ findet und dazu Zeichnungen von Kartoffeln (Grumbeere, Erdapfel, etc.) oder Hausschuhen (Pantoffeln, Latschen, etc.) findet.

Mehr zum Thema Dialekt gibt es aktuell beim Mannheimer Morgen und dem Institut für deutsche Sprache.

3. Unsere Sprache geht den Bach runter. Diagnose: Sprachverfall.

Diese schreckliche Jugendsprache, überhaupt die Jugend vong heute, und all die Anglizismen. Sprachbewahrern und Sprachpuristen läuft es kalt den Rücken runter. Ich behaupte jetzt mal ganz mutig: Seit es Sprache gibt, machen sich Menschen Sorgen über Sprachverfall. Den hat es aber noch nie gegeben. Sprache kann nicht verfallen. Sie kann vielleicht sterben, ja (R.I.P. Latein), aber nicht verfallen. Änderungen in der Sprache sind ein Zeichen von Lebendigkeit, und das ist doch etwas Schönes, oder? Manche Sprachwandelprozesse, wie etwa in der Jugendsprache, können kurzlebig sein und wurden schon zu Schillers Zeiten kritisiert – und manche Veränderungen finden so langsam statt, dass sie uns gar nicht auffallen.

Wir Nachwuchslinguist*innen zumindest lieben die Jugendsprache und haben diese bei unserer letzten Tagung in Zürich „erforscht“.

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Disclaimer: Diese Salami wurde noch gegessen.

4. Wir machen Rechtschreibregeln und zwingen die Gesellschaft, sich daran zu halten.

Die Linguistik ist weitgehend eine deskriptive Wissenschaft. Das bedeutet: Sie schreibt keine Regeln vor (das wäre präskriptiv), sondern beschreibt das vorhandene Sprech- und Schreibverhalten einer Gesellschaft. Und ja, es gibt Regeln. Kommaregeln zum Beispiel. Aber auch jeder Dialekt funktioniert nach ganz eigenen Regeln und Mustern der Wortbildung. Die hat nur noch niemand aufgeschrieben.

Aber Regeln sind nicht in Stein gemeißelt. Siehe Punkt 3: Sprache befindet sich in ständigem Wandel, und das Regelwerk läuft mit. Jedes Jahr werden neue Wörter in den Duden aufgenommen, es gibt Rechtschreibreformen und (Un-)Wörter des Jahres.

Trotzdem muss ich mich zu Gelassenheit zwingen, wenn ich ein Video über Ernährungsmythen anschaue und die Youtuberin mit den Worten „Die erste Mythe…“ beginnt. Oder wenn ich auf der Gewürzdose bei einer Grillparty die Beschriftung „Tymian“ lese. Irgendwann bricht es dann doch unkontrolliert und laut aus mir heraus. „DER SINGULAR VON MYTHEN IST NICHT MYTHE, SONDERN MYTHOS.“ – „THYMIAN SCHREIBT MAN MIT H!“

Und weil es gerade so schön war:

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Credits: Marius Emmerich / Streetacid.

5. a) Wir aus der Germanistik haben keinen Grund, ein Semester im Ausland zu studieren.

Ich habe mich hier bereits umfassend zu diesem Thema geäußert und damit alles gesagt, was ich zu sagen habe.

5. b) Diejenigen von uns, die eine Fremdsprache studieren, können spontan alles perfekt übersetzen.

Yeah, right. Not. In meinem Anglistik-Studium habe ich englische Grammatik und englische Stilistik gelernt. Ich weiß, wie ich ein Bewerbungsschreiben so aufsetzen muss, dass es Briten gefällt und ich weiß, wie es aussehen muss, wenn es Amerikanerinnen beeindrucken soll. Übersetzen steht auf einem ganz anderen Blatt und darf auf keinen Fall unterschätzt werden. Nicht umsonst gibt es für Übersetzer und Dolmetscherinnen eigene Studiengänge.

Wissenschaftliche, semiwissenschaftliche, populärwissenschaftliche und überhaupt nicht wissenschaftliche Buchempfehlungen:

Jörg Riecke: Geschichte der deutschen Sprache. Eine Einführung. (Reclam 2016)

Heike Wiese: Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht. (C.H. Beck 2012)

Sebastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. (KiWi-Taschenbuch 2004)

Langenscheidt Lilliput: Badisch-Hochdeutsch/Hochdeutsch-Badisch. (Langenscheidt 2015)

Guy Deutscher: Du Jane, Ich Goethe: Eine Geschichte der Sprache. (C.H. Beck 2008)

+++ Kauft nicht bei Amazon, sondern bei eurem Buchhändler/eurer Buchhändlerin vor Ort. +++

3 Kommentare zu „Rechtschreibpolizist und Grammatikfetischistin: 5 ½ Mythen über SprachwissenschaftlerInnen

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