Wie schwierig und wie leicht es ist, Menschen kennenzulernen

Es war etwas länger ruhig hier. Nicht, weil ich nichts zu erzählen hätte. Tatsächlich ist in den letzten Wochen so viel Spannendes (finde ich) passiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll zu berichten. Und wie es dann immer so ist, berichtet man eben gar nicht. Inzwischen habe ich circa fünf Dokumente mit angefangenen Texten, die allesamt brachliegen. Der Schreib-Flow hat gefehlt. Aber wer weiß, da gerade ohnehin Urlaubszeit war, ist vielleicht den wenigsten meine eigene Sommerpause aufgefallen.

Jetzt aber zum eigentlichen Thema des Tages: Wie komme ich an einem neuen Ort an, ohne dort zu desozialisieren? Diese Frage begleitet mich schon das gesamte Jahr 2017. Erst in Paris, dann in München. Was mir in Paris so wahnsinnig schwergefallen ist, habe ich mir für München schon vorab mit allen Mitteln versucht zu vereinfachen. Und ich muss sagen: München, du hast es mir leichtgemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich gemeinsam mit dem schönsten Sommerwetter hier angekommen bin. Definitiv liegt es daran, dass Jana mir zu dem bestmöglichen Start hier verholfen hat. Jana, die Freundin einer Freundin, die ich ein einziges Mal getroffen hatte, und die mich auf meine Anfrage hin unter ihre Fittiche genommen hat, zur Open Air-Übertragung von „Tannhäuser“ und zum Georg-Büchner-Theatermarathon ihrer Freunde. Danke Jana, dass du mich mitgenommen hast an den ersten Abenden hier, als ich das ganz dringend gebraucht habe!

Mit drei Anekdoten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, möchte ich zeigen, wie schwierig und wie leicht es sein kann, Menschen kennenzulernen.

Numero Uno (oder: Ich möchte nicht deinen Bruder heiraten)

Eines Abends im Juni war ich bei Freunden und Freunden von Freunden und deren Freundinnen zum Grillen eingeladen. Mit einem von ihnen habe ich darüber gesprochen, dass ich bald nach München ziehe, in eine Stadt, in der ich niemanden kenne. Er erzählte mir, dass sein Bruder in München wohne, woraufhin ich begeistert meinte, dass ich den dann ja mal kennen lernen könne. Da sagte Daniel: „Ja, aber er ist schon verlobt.“ Und BÄM, das hat mich getroffen. Denn ja, irgendwie frage ich mich bei jedem Mann, den ich kennenlerne, ob es ein potenzieller Ehemann sein könnte. Aber das ist in meinem Kopf, und da soll es bleiben, und andere Menschen haben nicht das Recht, darüber zu entscheiden. Es ist ja ohnehin schon schwierig genug, Menschen kennenzulernen, und anscheinend noch schwieriger, männliche Menschen kennenzulernen. Auch wenn man sie gar nicht heiraten möchte. Und ich frage mich, ob meine Freund*innen es mir einfacher machen würden, ihre Freunde und Brüder kennenzulernen, wenn ich nicht Single wäre? Daniels ernüchternde Antwort war „Ja, wahrscheinlich schon“.

Número dos

Ich habe in letzter Zeit sehr häufig gesagt bekommen, dass ich sehr mutig sei. Meistens ging es darum, dass andere es mutig finden, wenn ich persönliche Erfahrungen offen teile. Ich finde das nicht mutig. Ich brauche es, die Dinge aufzuschreiben, und ich hoffe, dass andere Menschen etwas von meinen Geschichten für sich mitnehmen können. Was ich selbst „mutig“ finde, ist, andere Menschen anzusprechen und dadurch zu signalisieren „Du bist mir sympathisch. Ich finde dich interessant.“ Das fällt mir so wahnsinnig schwer, dass es mir sogar schwerfällt, wenn ich bei einer Veranstaltung bin, die eigentlich genau dafür gemacht ist. Im Juli habe ich genau so ein Event besucht: Die Female Future Force Insights München, eine Veranstaltung von Frauen für Frauen, ein Happening zum Vernetzen, zum Networken.

(Side Note: Die Female Future Force ist ein  Programm der Online-Plattform Edition F, das ich im Crowdfunding unterstützt habe. Kern ist die Female Future Force Academy, ein 12-monatiges Online-Fortbildungsprogramm für jedermann, aber hauptsächlich für jedefrau.)

Auf diesem Event habe ich gemerkt: Ich bin nicht allein mit meinem Problem. Allzu deutlich habe ich die Spannung wahrgenommen, die in der Luft lag, weil all diese schönen Frauen (in München sind alle schön! Wirklich wahr!) nicht so recht wussten, wohin mit sich. Weil viele von ihnen sich nicht getraut haben, alleine zu kommen, und deshalb ihre Freundinnen überredet haben, sie zu begleiten. Weil alle sich ständig verstohlen umgeschaut haben, die Lage sondiert haben, auf der Hut waren. Und vielleicht darauf gewartet haben, angesprochen zu werden. Ich jedenfalls war alleine dort, und ich habe zwei Mal all meinen Mut zusammengenommen, und Frauen angesprochen, die auch alleine waren. Mit all meinen zweifelnden Fragen im Kopf („Sie ist gar nicht allein, ihre Freundin ist nur grad auf Toilette, sie möchte gar niemanden hier kennen lernen, sie wird dich gleich ganz komisch finden, etc. etc.“), und siehe da: Ich lebe noch. Denn seien wir uns mal ehrlich: Was ist das schlimmste, das passieren kann? Dass man sich gegenseitig unsympathisch ist. Dass man nicht auf einer Wellenlänge ist. Na und? Man kann sich nicht mit jedem im Leben verstehen, das musste ich im letzten halben Jahr bitter erkennen, aber das ist kein Grund, die besten Chancen zu verschenken, jemanden zu treffen, den oder die man mögen könnte (und die gegebenenfalls und unverhofft zur besten Freundin werden können). Ich finde jedenfalls, es hat sich gelohnt: Die eine, die ich angesprochen hatte, hat mir fünf Tage später eine Facebook-Freundschaftsanfrage geschickt, und mit der anderen habe ich mich zwei Wochen später im Biergarten getroffen.

Numéro Trois

Zum Schluss die gute Nachricht: Es kann so wahnsinnig einfach sein, Menschen kennenzulernen. Der Arbeitsplatz ist ein natürlicher Raum, um soziale Kontakte zu schaffen. Momentan (und so wie meistens bisher) arbeite ich nur mit Menschen zusammen, die ähnliche Interessen haben wie ich. Die ähnliches studiert haben wie ich. Mit denen man sich montags beim Mittagessen darüber austauscht, wer am Wochenende in welchem Museum war, welches Buch man gerade gelesen hat oder auf welchem Konzert man sich getroffen hat. Wenn man bereit ist (und sich darauf freut), die Menschen, denen man den ganzen Tag schon am Schreibtisch gegenübersaß, auch abends oder am Wochenende noch zu treffen, hat man alles richtig gemacht im Leben.

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