Auf den letzten Drücker

Das ist eine ziemlich akkurate Beschreibung meines Lebensmottos: Auf den letzten Drücker. Am 31. Mai gebe ich meine Steuererklärung ab. Jede Hausarbeit wird zum spätestmöglichen Zeitpunkt, nicht auf den Tag genau, sondern auf die Minute genau, abgeschickt, knapp bevor die Frist endet. Ich gehe so spät aus dem Haus, dass ich die Straßenbahn gerade noch so erreiche, denn lieber verpasse ich sie, als dass ich 3 Minuten lang auf sie warten muss.

Obwohl ich Stress-Situationen hasse, weil sie mich immens unter Stress setzen (ja, ist echt so!), liefere ich mich ihnen immer wieder freiwillig aus. Es ist vielleicht wirklich so, wie es der schöne Protagonist zu der schönen Protagonistin in „Er steht einfach nicht auf dich“ sagt: Insgeheim liebt sie den Nervenkitzel und das Drama, die damit verbunden sind, eine Rechnung erst am letzten Tag zu bezahlen. Ich habe mich damals im Kino – da war ich gerade 16 – schrecklich ertappt gefühlt. Dass ich mich jetzt, fast zehn Jahre später (brrr, wie die Zeit vergeht), immer noch so verhalte, liegt vermutlich daran, dass trotz heftiger Cortisol-Überdosis trotzdem immer alles geklappt hat.

Daher war ich auch ein wenig misstrauisch, als bei dieser Sache alles mehr als gut geklappt hat. Im März und dann noch einmal Ende Mai habe ich meine Freundin Hanna bei ihrem Erasmus-Aufenthalt in Breslau besucht (fun fact: mein Zugticket für die Reise im Mai habe ich gerade noch so am letztmöglichen Tag vorab gekauft), und ich war gerade wieder zurück in Heidelberg, da erreichte mich eine Ausschreibung von der Uni, dass man sich im Rahmen der Germanistischen Institutspartnerschaft mit Breslau für einen einmonatigen Gastaufenthalt dort bewerben könne. Das konnte natürlich kein Zufall sein, sagte die leise lateinische fatum-Stimme in meinem Inneren. Die Tage mit Hanna (und Nelly) in Breslau waren mit die schönsten im bisherigen Jahr 2018 gewesen und ich MUSSTE mich dafür bewerben. Obwohl die bekannte 80/20-Regel dabei zuschlug (80 Prozent meines Bewerbungsanschreibens waren innerhalb einer halben Stunde fertig, für die restlichen 20 Prozent brauchte ich dann noch fast zwei Wochen), schickte ich meine Bewerbung immer noch fünf Tage vor Ende der Frist ab. Bäm!

Da ich mich gerade, da ich diesen Text schreibe, in Breslau befinde, kann ich direkt spoilern, dass meine Bewerbung erfolgreich war. Und auch meine weitere Planung war nicht nur erfolgreich, sondern auch frühzeitig. Im August habe ich mir ein AirBnB und die Flüge für meine Reise gebucht (Hinweis zum Thema Kurzstreckenflüge: Nicht gut für die Umwelt (Langstreckenflüge übrigens auch nicht). Ich habe es, aus Gründen, trotzdem getan). Ende September, vier Tage vor Abflug, liegt mein Koffer zu 80 Prozent fertig gepackt auf meinem Zimmerboden.

Aber kurz vor meiner Abreise holt mich das übliche Chaos wieder ein. Last Minute eröffnet sich die Option einer eventuellen Untervermietung meines Zimmers und noch zehn Minuten bevor ich das Haus verlasse, ist mein Zimmer in einem eindeutig nicht untervermietbaren Zustand (und das ist, ehrlich gesagt, auch jetzt noch). Rumliegende Klamottenhaufen und Papierstapel ahoi. In diesen letzten zehn Minuten werfe ich die restlichen 20 Prozent meines Gepäcks in den Koffer und mein Mitbewohner Sebastian, der vielleicht an dem gleichen Syndrom leidet wie ich, kommt aus seinem Zimmer gekrochen, „gerade noch rechtzeitig, um tschüss zu sagen“. Er trägt meinen Koffer für mich runter, so wie damals, als ich nach Paris gefahren bin (danke danke danke), und genauso fühlt es sich an: Als würde ich nicht für vier Wochen, sondern für vier Monate verreisen.

Im ICE herrscht angenehme Leere – so viel zu: „Erhöhtes Reisendenaufkommen erwartet. Es wird eine Sitzplatzreservierung empfohlen.“ Es sind kaum Reisende in meinem Waggon, aber natürlich sitzt jemand genau auf meinem reservierten Sitzplatz. Just why? Am Flughafen dann Kontrastprogramm: Bei der Koffer-Aufgabe ist eine lange Schlange, aber während die Reisegruppe hinter mir in Wut aufgeht, bleibe ich gelassen (so wie im März, als ich auf der Zugfahrt von Dresden nach Heidelberg fünf Stunden Verspätung hatte, während die Leute am Bahnhof in Leipzig ausgerastet sind. Nachdem ich damals in der Nacht zuvor mit vier Stunden Verspätung von Breslau nach Dresden gereist war und in diesem Fernbus alles an Unruhe gelassen habe, was mein Körper aufzubringen hat, kann mich aktuell nichts mehr schocken). Auch in der noch um ein Vielfaches längeren Schlange vor dem Security-Check bleibe ich gelassen. Die Schlange bewegt sich ziemlich schnell vorwärts. Als mein Boarding beginnt, stehe ich allerdings immer noch an, und nun werde ich doch wütend, auf die Leute, die erst im Metall-Scanner feststellen, dass sie noch ihre Armbanduhr tragen, und auf die Leute, die nicht hinter mir stehen bleiben können, sondern beständig penetrant aufrücken, als ob diese gewonnen 50 Zentimeter irgendetwas daran ändern würden, wie schnell wir alle die Sicherheitskontrolle passieren werden.

12:55 Uhr soll mein Flug gehen. Als ich um 12:50 Uhr auf den allerallerallerletzten Drücker endlich am Gate ankomme, ist er schon weg und ich bin völlig überfragt, was ich jetzt tun soll. Weil ich nicht 2 Stunden vor Abflug, sondern nur 1 Stunde 50 Minuten früher am Flughafen war, sehe ich die Schuld völlig bei mir. Die Fluggesellschaft sieht das zum Glück anders und nach zweieinhalb Stunden warten am Service-Schalter werde ich wortlos auf den nächsten Flug um 17:00 Uhr umgebucht.

Ich bin nun also seit Samstag in Breslau und möchte die kommenden vier Wochen ganz cheesy zur persönlichen Weiterentwicklung nutzen. Meine Aufgabe im Rahmen der Germanistischen Institutspartnerschaft ist vor allem die: Kontakte zu den Studierenden knüpfen und mir Veranstaltungen aussuchen, die ich besuchen möchte. Da bleibt ausreichend Zeit für mich selbst. Und für die Hausarbeit, die ich schreiben muss (die seit März, dann seit Juni eigentlich schon fertig sein sollte). Wenn ich fleißig bin, werde ich sogar weitere Updates zu meinem Aufenthalt hier bloggen (wo bleiben eigentlich die Texte zum Thema Feminismus, die du dir seit einem Jahr versprochen hast, Franzi?). Es ist also doch noch alles irgendwie so wie immer.

3 Kommentare zu „Auf den letzten Drücker

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