Öfter mal was Neues

Facebook hat mich freundlicherweise daran erinnert, dass ich heute vor zwei Jahren das Foto mit den meisten Kommentaren in 2016 gepostet habe. Das will schon etwas heißen, glaube ich, denn ich war 2016 und 2017 ziemlich aktiv bei Facebook. Besagtes Foto zeugt aber tatsächlich von einer schönen Erinnerung. Heute vor zwei Jahren bin ich spontan während meines Urlaubs in Wien zum Friseur gegangen und habe dramatisch viel von meinen doch recht langen Haaren abschneiden lassen. Es war eine Veränderung, die ich nach einem schmerzhaften Sommer dringend gebraucht habe. Es mag ein Klischee sein, dass man sich ausgerechnet nach dem Scheitern einer Beziehung (oder so etwas Ähnlichem) einen neuen Haarschnitt zulegt. Aber mei, es hat gutgetan.

Eine neue Frisur ist wie ein neues Leben? So hat es sich damals wirklich ein wenig angefühlt. Nachdem ich jahrelang praktisch nicht aus einem kleinen Kaff in Baden-Württemberg (ja, Heidelberg!) rausgekommen bin, hatte ich plötzlich das Bedürfnis, die Welt zu entdecken. Ich habe mich schrecklich kosmopolitisch gefühlt, wie ich nach Wien und London gereist bin, einige Monate in Paris und später in München gelebt und auf der Studentischen Tagung Sprachwissenschaft schlaflose Nächte in Zürich und Nijmegen verbracht habe, Freund*innen besucht habe in Marburg, wieder und wieder Wien, Dresden, Breslau, Berlin (wegen Krankheit ausgefallen, aber dringend nachzuholen: Münster!).

Schon letzten Sommer auf der Reise nach München habe ich darüber reflektiert, warum ich so viel unterwegs bin. Immer wieder nach etwas Neuem suche. Ob ich versuche, mich selbst zu finden, oder vielmehr auf der Flucht vor mir selbst bin. Denn gerade in Breslau merke ich: Es ist nicht Abenteuerlust, was mich antreibt. Ich habe Angst vor neuen Situationen, davor, die Landessprache nicht zu verstehen, davor, mit mir selbst allein zu sein. Ich liebe mein Zuhause, dieses Kaff in Baden-Württemberg, ich liebe die Freund*innen, die ich dort habe, und vor meiner Abreise nach Breslau stand ich nicht nur unter extremem Stress (danke Merkel, für fünf Tage Dauer-Migräne), sondern hatte auch tiefsitzende Ressentiments. Die „Du bist nur vier Wochen lang weg“-Zureden meiner Freundin Carina haben nicht geholfen: Für mich fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Fast die Hälfte dieser Ewigkeit ist inzwischen um. Was mir hilft gegen das Heimweh ist die Erinnerung daran, warum ich eigentlich für diese vier Wochen hierherkommen wollte. Anfang des Jahres, es war Mitte März, habe ich hier nur einen einzigen Tag verbracht und es war (trotz eisiger Kälte, Schneetreiben und anschließend insgesamt fast 10 Stunden Verspätung der Heimreise) der schönste Tag in einer langen Phase des Wintertrübsinns. Ende Mai war ich noch einmal hier und die Stadt wurde – ich habe es letzte Woche schon geschrieben – zu einem kleinen Happy Place 2018 für mich. Ich wollte diese vier Wochen hier als Auszeit für mich selbst. Eine Zeit, in der ich mir erlauben kann, die Bücher zu lesen, die ich lesen möchte, unverschämt viel in Cafés abzuhängen, unverschämt günstigen Kaffee zu trinken und dabei über den Mythos des Pumpkin Spice Latte zu philosophieren – schreibt mir gerne mal einen Kommentar, wenn ihr das schon mal getrunken habt! Eine Diskussion zum Thema „Annäherungen an den Pumpkin Spice Latte“ fände ich äußerst spannend.

Es ist gerade der perfekte Zeitpunkt, mit mir selbst hier zu sein. Wenn ich im November wieder in Heidelberg bin, werde ich mit meiner Masterarbeit anfangen, dem letzten Abschnitt meines Studiums, bevor sich wieder alles irgendwie ändern wird, und ich habe momentan nicht die leiseste Ahnung, wie es weitergehen wird. Deshalb jetzt noch einmal diese Wochen, um in mich zu gehen. Ich möchte alle Bücher lesen, die ich mit hierhergenommen habe. Endlich all die Videos der Female Future Force Web-Academy abarbeiten (ich hänge seit einem Jahr in Woche 3…), bevor mein Abo-Zeitraum ausläuft. Wieder mehr schreiben (das läuft!). Ein wenig polnisch lernen. Und ich möchte nicht, aber ich muss, wie sollte es anders sein, eine Hausarbeit schreiben (die letzte! Ich glaube es noch nicht so ganz). Vielleicht werde ich auch noch zum Friseur gehen. Das habe ich nämlich nicht nur in Wien, sondern auch in Paris gemacht – nicht nach einer gescheiterten Beziehung, übrigens, sondern weil Haare waschen mit Roggenmehl (was ich damals getan habe) leichter ist, wenn man weniger Haare hat. Spontane Friseurbesuche bei Auslandsaufenhalten, das könnte jedenfalls eine schöne persönliche Routine werden und ist sicher immer für eine Überraschung gut. Die Friseurin in Paris hat mein gebrochenes Französisch kaum verstanden und ständig nachgefragt, ob es ok ist, wie viel sie abschneidet. Wie soll das dann erst auf polnisch werden?

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