#IchmachmirdieWelt

In den letzten vier Monaten in Paris habe ich viele Menschen unterschiedlichster Nationalitäten (hauptsächlich Deutsche) kennengelernt. Ich war viel unter Fremden, die zu Freund_innen wurden, und ich war viel bei mir selbst.

Ich war aber auch sehr viel in einer anderen Welt unterwegs. In einer digitalen Welt, die in unseren Bildschirmen sitzt. Ich habe begonnen, zahlreiche meiner Verhaltensweisen zu hinterfragen und ich habe nach Menschen gesucht, die das auch tun, und die ein paar Schritte weiter sind als ich: die ihre Kleidung konsequent fair kaufen, die nahezu keinen Plastik- und Restmüll produzieren, die sich vegan ernähren, die ganz selbstverständlich gendergerechte Sprache verwenden. Ich habe diese Menschen auf Blogs, bei Youtube, bei Instagram gefunden, und ich habe viele, viele Stunden damit zugebracht, mich durch Texte, Bilder und Videos zu arbeiten, immer mehr Informationen zu diesen Themen aufzusaugen, einen Teil davon in meine Lebensrealität zu übertragen, viele Teile davon mit Freund*innen rauf und runter zu diskutieren, und auch selbst Texte und Bilder für die digitale Welt zu produzieren. Letzteres war und ist unglaublich wichtig für mich, denn – für alle, die das immer noch nicht wissen – ich möchte das beruflich machen. Ich möchte meine Ideen und meine Werte mit der Welt teilen und darauf hoffen, Menschen damit zu erreichen. Ich möchte Unternehmen vertreten, hintern deren Werten ich stehe und von denen ich finde, dass sie mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Und ich möchte Geld damit verdienen. Das kann ganz einfach sein und es kann ganz schwierig sein. Es ist einfach, bei Instagram nur zu zeigen, was ich plastikfrei eingekauft habe. Es ist noch einfacher, bei Instagram nicht zu zeigen, was ich in Plastik verpackt eingekauft habe. Wir wissen es eigentlich alle: Instagram ist kein Abbild der Realität, sondern eine Zusammenstellung von selektierten Momentaufnahmen. Das ist so, trotz aller „Für mehr Realität auf Instagram“-Bewegungen. Und doch lassen wir uns täuschen von dem, was wir im Internet sehen, lesen, hören, wie eine Freundin von mir, die mich in Paris besuchte und erleichtert war, dass ich sie nicht wegen ihrer Plastikflasche rügte und erstaunt war, dass ich sogar selbst eine Plastikflasche hatte. Und hier wird es schwierig für mich: Kann ich im Internet den Gebrauch von Plastikflaschen verteufeln und die Nutzung von Edelstahlflaschen propagieren, wenn ich außerhalb des Internets selbst hin und wieder Wasser in der Einwegflasche kaufe, weil ich das gechlorte Pariser Leitungswasser an manchen Tagen einfach unerträglich finde?

Navid Kermani schreibt, über ein ganz anderes Thema, aber mit einer ähnlichen Einstellung und einem klaren Resümee:

„Es ist ein Leichtes, wie islamistische Websites demonstrieren, Tag für Tag negative Meldungen zusammenzustellen, in denen irgendwo auf der Welt westliche Personen, Gruppen oder Staaten dem Feindbild entsprechen, das man sich von ihnen macht, von amerikanischen Ölkonzernen im Nahen Osten über die Kinderpornographie bis hin zu Brandanschlägen auf Asylheime oder Moscheen. Die Meldungen mögen jede für sich wahr sein und werden in der Zusammenstellung dennoch zur Lüge.“ (Navid Kermani, „Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime“, S. 39f. C.H. Beck 2016)

Sind die Fotos von meinen Einkäufen eine Lüge, weil sie nur einen Teil, und nicht alles von mir Gekaufte zeigen? Ich weiß es nicht, und ich würde mich freuen, eure Meinung dazu zu hören (da unten, wenn man ein bisschen scrollt, gibt es übrigens die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen!). Für mich selbst ist das digitale Festhalten von gelesenen (oder halb gelesenen) Büchern, von gesundem Essen, von plastikfreien Einkäufen eine Orientierungshilfe, weil es mir zeigt, was ich in meinem Leben häufiger tun möchte. Letztlich bin ich aber ein Mensch, der nicht in eine einzige Schablone passt, keine*r von uns ist das. Daher kann ich euch nur raten, soziale Medien wie Instagram, sofern ihr sie überhaupt nutzt, als Inspirationsquelle zu nutzen, vielleicht sogar als Möglichkeit, in Kontakt mit anderen Menschen zu treten, die ähnlichen denken wie ihr.

Während wir Menschen an allen Ecken und Enden aus Schablonen herausragen, uns täglich ändern, unsere emotionalen Tage haben und über eine ganze Reihe von verschiedenen Rollen und Identitäten verfügen, kann eine solche Schablone für ein Unternehmen genau das Richtige sein. Von einem Unternehmen erwarten wir ein festes Werte-Set und eine Marke, auf die man sich verlassen kann. Und genau hier wird es wieder einfach für mich, wenn ich in den Social Media dafür sorge, dass die Werte eines Unternehmens täglich für die Welt sichtbar werden.

5 Kommentare zu „#IchmachmirdieWelt

  1. gestern Nacht schon gelesen, sehr schön! Auf deine Frage hin: M.E. ist das nur ein normaler Vorgang des sozialen Theaters (s. Goffman), wir präsentieren uns alle im sozialen Leben so, wie wir hoffen, dass andere uns wahrnehmen. Durch die permanente Selbstartikulation (egal, ob auf instagram oder facebook) findet ein ständiger Prozess des Selbstlegitimierens statt. Deswegen wird dieser – in Grenzen – idealisiert, man vermeidet negative Attributionen (Plastikbilder). Nach Goffman ist dieses „Impression Management“ aber nicht als unethisch, sondern als lebensnotwendig anzusehen, da wir im sozialen Leben auf Eindruckssteuerung angewiesen sind, um uns unterscheidbar zu machen, und auf dieser Basis der Komplexitätsreduktion zu handeln und zu entscheiden….

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    1. wie immer toller Input von dir, danke, Simone! Da muss ich mich mal einlesen, und das soziale Theater lässt mich auch gleich an Shakespeare denken „All the world’s a stage, and all the men and women merely players“ 🙂

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  2. Liebe Franziska,

    ich kann voll verstehen, dass dich das Thema bewegt. Ich merke auch zunehmend, dass viele um mich herum eine Art Tunnelblick bekommen. Ich bin zum Studium nach Sachsen gezogen – was hier seit einiger Zeit an Fremdenfeindlichkeit los ist, hast du vielleicht mitbekommen. Aber auch im Privaten sehe ich diese Entwicklung und merke sie bei mir selbst. Wie viel von mir zeige ich im Internet, zeige ich auf der Arbeit, vor Freunden? Welche Werte will ich vertreten und wo scheue ich zurück, weil mir der Aufwand zu groß ist, ich die Reaktionen fürchte…

    Ich denke, dass das Internet diese Entwicklung noch viel stärker vorantreibt als es Vorabendserien im Fernsehen jemals tun konnten. Die Selbstdarstellung wächst immer weiter und es wird schwerer, sich diesem Zirkus zu entziehen. Ich finds cool, wie reflektiert du mit dem ganzen Thema umgehst… 🙂
    VG Jennifer

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    1. Liebe Jennifer,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Man ist tatsächlich in so einem Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und gleichzeitigen Angst, zu viel von sich Preis zu geben. Was glaube ich am gefährlichsten ist, ist die Tatsache, dass wir es schaffen, uns im Internet mit vermeintlichem Zugang zu allen Arten von Meinungen doch in einer „Blase“ bewegen und uns durch Likes und Follow-Optionen nur mit dem umgeben, was wir sehen wollen. So wird bei den einen die Angst vor dem Fremden geschürt und bei den anderen eine politische Zuversicht aufgebaut, die dann doch durch die Wahlergebnisse in Europa und den USA erschüttert wird…

      Viele Grüße
      Franziska

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  3. Hallo Franziska,

    endlich schaffe ich es deine Blogposts weiterzulesen. Habe gerade Hamlet besiegt!

    Wie privilegiert und glücklich wir sind, dass wir uns darüber Gedanken machen können, was einseitige Posts im Social Media in uns bewegen. Ich wünschte das täten alle Influencer da draußen, denn es gibt genug User, denen die Situation, die Umstände oder schlicht weg die Bildung fehlen, solche Dinge zu hinterfragen.

    Du machst das übrigens richtig gut hier und ich wünschte, ich käme bei meinem eigenen Schreiben voran.

    Liebe Grüße,
    Marius

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