Das Paris-Journal: Gipfel-Treffen der Germanistinnen

Der Titel klingt spektakulärer, als mein Wochenende tatsächlich war: Zu Besuch war genau EINE FREUNDIN, und zwar, da wir schon bei den Alliterationen sind, Maggie aus M… (off-Topic Literatur-Empfehlung: unbedingt einmal Kleists „Die Marquise von O…“ lesen und den berühmtesten Gedankenstrich der deutschen Literaturgeschichte kennenlernen!). Ich war vorab mehr als aufgeregt, denn ich habe Maggie erst zwei Mal in meinem Leben gesehen, und das letzte Mal ist drei Jahre her.Aber was soll ich sagen: gemeinsam zu tief ins Glas schauen schweißt zusammen, und anschließend gemeinsam in die Kotztüte schauen noch mehr. Dem Rotwein habe ich danach abgeschworen, das Mädel habe ich behalten. Nach intensivem Email-Kontakt (Brieffreundschaft 90er Style) ist die Entscheidung eines Besuchs ziemlich spontan und wie von allein gefallen und plötzlich war es auch schon Samstagmorgen 5:45 Uhr und mein Wecker hat geklingelt. Bah. Ich hasse früh aufstehen wirklich sehr, aber was tut man nicht alles für seine Freund*innen: Ich habe meine morgens um sechs am Porte d’Orléans abgeholt. Im Regen. Und im Schlafanzug (ein bisschen Komfort muss sein).

Nachdem wir uns noch einmal für zwei Stunden schlafen gelegt hatten, waren wir bereit für die Stadt. Die Stadt war leider nicht ganz so bereit für uns. Habe ich den Regen bereits erwähnt? Es regnete, in Strömen, drei Tage lang. Zu zweit unter einem Regenschirm, der leider schon ein, zwei kleinere Löcher hatte (aber ich will mich nicht beschweren, denn es war nicht mein Schirm; ich hatte keinen, weil ich meinen eigenen seit zwei Woche nicht finden konnte und es gar nicht einsehen wollte, einen neuen zu kaufen. Maggie hat meinen Schirm dann zwei Tage später nach circa fünf-sekündiger Suche direkt aus einem offenen Regal gezogen. Ähem.), machten wir uns frohen Mutes auf in den Kampf (beim Schreiben dieser Zeilen kommen Erinnerungen an mein Demonstrations-Erlebnis hoch), zunächst in Richtung Saint Germain, wo ich stolz meine Universität präsentierte. Beziehungsweise die äußere Fassade des zur Straße gelegenen Gebäudes, denn ohne Studentenausweis kommt man da nicht rein.

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Der Regen zaubert uns die pure Freude ins Gesicht.

Nachdem dieser wichtige Punkt unserer To-See-Liste in etwa so schnell abgehakt war, wie Maggie später meinen Schirm finden würde, sind wir direkt zum Shoppen in die gegenüberliegende Apotheke, denn Maggie wollte ein Pflegeprodukt kaufen, das hier günstiger ist als in Deutschland (obwohl ich das kaum glauben kann, wenn ich an die Preise am Drogerieregal im Supermarkt hier denke), und ich habe mich mit Mullbinden ausgestattet. Ach ja, ganz vergessen zu erwähnen: ich war ein paar Tage zuvor beim Avocado-Entkernen mit dem Messer abgerutscht – Hand getroffen – komplett ausgeflippt – unendlich Dankbar über die Anwesenheit von meinem Mitbewohner, der sich um alles gekümmert hat (aka kümmern musste) – noch dreimal am gleichen Abend den armen Kerl an der Rezeption nach neuen Pflastern gefragt – am Tag drauf vom Krankenzimmer der Universität zum Arzt und von dort in die Notaufnahme geschickt, wo dann festgestellt wurde, dass alles nicht so schlimm ist und ich ein „Rezept“ für Desinfektionsmittel und sterile Kompressen bekommen habe. Und da sind wir wieder, back in der Gegenwart, bzw. im Präteritum, letzten Samstag, Maggie und ich in der Apotheke. Nach dem auch Punkt zwei erstaunlich schnell abgehakt war, verließ uns leider erstmal das Glück, während der Regen hartnäckig blieb. In einem Secondhand-Laden im Marais wurden wir vom Verkäufer so unfreundlich behandelt, dass uns jede Lust verging, neue alte (und vor allem dichte, Stichwort verschweißte Nähte!) Regenjacken zu kaufen, und der Falafel-Laden, bei dem wir eigentlich essen wollten, hatte geschlossen. Mein Fehler, die ich nicht auf meine Schwester hören wollte, die irgendwann zu mir meinte, es wäre unklug, samstags ins Marais zu gehen, da dort wegen Sabbat viele Läden und Restaurants geschlossen bleiben. Tja. Ich glaube übrigens, es heißt eigentlich DER MARAIS (franz. le Marais, definitiv, denn im Französischen gibt es kein Neutrum), aber ich habe mich jetzt schon an das Das gewöhnt. Das Nutella. Die Cola. Der Joghurt. (Definitivst DAS Pesto.) Damit wäre das auch geklärt, und wir sind hungrig zurück nach Saint Germain gefahren, wo wir uns in einem Restaurant ein sehr spätes Mittagessen (16:00 Uhr) und direkt anschließend den Nachmittags-Kaffee gegönnt haben. Danach sind wir noch in einen Secondhand-Laden, in dem wir für sämtliche vorangegangenen Unfreundlichkeiten mehr als entschädigt wurden, denn die Verkäuferin war supernett, hat mit uns eine lange Diskussion darüber geführt, warum viele Französinnen und Franzosen immer noch nicht gerne englisch sprechen, und bat uns traurig: „Don’t speak german, I’m feeling left out“ – genauso muss sich mein italienischer Mitbewohner häufig fühlen, und ich fühle mich auch so, wenn in meiner Küche plötzlich alle spanisch sprechen.

Sonntag: Unser Plan für heute war tight: Ganz früh aufstehen, um den Bio-Wochenmarkt auszuprobieren, und dann pünktlich um 10:00 Uhr ins Musée d’Orsay zu gehen, da war letzter Tag der Bazille-Ausstellung und es waren viele BesucherInnen zu erwarten, denn am ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt nicht nur für EU-Bürger unter 26 Jahren kostenlos, sondern für alle (pffff). So weit der Plan, gegen 11:00 Uhr waren wir dann auch endlich auf dem Weg in die Stadt zum Markt. Es regnete übrigens, wie aus Gießkannen. Wir kauften instagramwürdige französische Backwaren vom Feinsten – Croissant, Pain au Chocolat, Brioche – und fuhren erstmal zurück nach Hause, um zu frühstücken. Die Lust, zurück in den Regen zu gehen, hielt sich in Grenzen. Aber was muss, das muss, und als wir am Musée d’Orsay ankamen, schien sogar die Sonne. An deren Strahlen erfreuten sich auch die circa 500 Millionen Leute, die bereits für das Museum anstanden. Wären wir doch bloß morgens um 10:00 und nicht nachmittags um 15:00 Uhr gekommen… Aber der Ersatz-Plan war schnell gemacht, und wir machten uns erneut auf in DAS Marais, um endlich die weltbesten Falafel zu essen. Warum es die weltbesten Falafel sind? Ich war in den letzten vier Jahren vier Mal in Paris und IMMER standen die Leute vor dieser Bude Schlange, um Falafel zu kaufen. Es müssen die weltbesten Falafel sein.

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Von den weltbesten Falafeln sieht man nicht mehr viel, bzw. nichts mehr, denn wir haben schon alle Bällchen herausgepickt.

Am Abend haben wir noch eine Tarte au chocolat gebacken, um meine neue Tarteform einzuweihen, und um fünfhundert Fotos vom Backprozess zu machen, um daraus ein Rezept zu machen. Vom Rezepte machen wurde mir inzwischen allerdings abgeraten und ihr werdet es niemals zu Gesicht bekommen. Die Fotos vom Kuchen auch nicht (er ist angebrannt).

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Unsere Outfits zum Kuchen backen in der Modemetropole Paris.

Montag, nächster Punkt abzuhaken: Sacre Coeur. Ihr könnt es euch denken: Im Regen. Der Vorteil von diesem Wetter ist, dass man nicht von nervigen Touristenfänger*innen geplagt wird. Nachdem wir die Kirche ausgiebig fotografiert und auch ein bisschen bestaunt haben, wollten wir eigentlich bei einem Bäcker frühstücken gehen, den ich sehr gerne mag. Meine Sorge, ob man um 13:00 Uhr überhaupt noch Frühstück bekommt, war ganz unbegründet, denn wie wir feststellen konnten, als wir davor standen, hat der Bäcker montags geschlossen. Ups.

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Sacre Coeur liegt quasi im Rücken der Fotografin, aber auf dem Bild kann man mit etwas Glück und Adleraugen den Eiffelturm durch den Nebel hindurch erkennen.

Nachmittags musste ich in die Uni und habe Maggie währenddessen im Musée de l’Orangerie geparkt (das montags zum Glück nicht geschlossen hat! Im Gegensatz zu den meisten anderen Museen, übrigens), danach haben wir uns vor dem Centre Pompidou getroffen, wo ich mir für einen Kunstgeschichte-Kurs an der Uni ein Bild aussuchen sollte, um darüber zu berichten. Ich bin ungefähr fünfmal durch die fünfte Etage gestreift, auf der Suche nach einem passenden Bild, und dabei regelmäßig ausgerastet: jede Menge Miró, Matisse, Picasso, Kandinsky, weiter hinten Jackson Pollock gegenüber von Mark Rothko – die Ausstellung hat mich stark an die Sammlung in der Tate in London erinnert –, und nachdem endlich ein Bild ausgewählt hatte, saß ich noch 30 Minuten davor auf dem Boden und machte mir Stream-of-Consciousness-mäßige Notizen. Dann sind wir heim und haben die Reste vom Kuchen gegessen.

Am Dienstag haben wir es endlich doch noch ins Musée d’Orsay geschafft. Es schien auch endlich die Sonne. Also das perfekte Wetter, um ins Museum zu gehen. Ich war vor einem Monat schon mal hier und konnte mir diesmal richtig viel Zeit lassen, die Bilder der Impressionisten-Sammlung auf mich wirken zu lassen. Schade, dass der Wortwitz im Deutschen nicht funktioniert.

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Das Musée d’Orsay – ein ehemaliger Bahnhof

Nach dem Museum sind wir – bereits leicht ausgehungert – zu den großen Kaufhäusern, Galeries Lafayette und Printemps, gefahren, um Kuppel und Dachterrasse zu bewundern bzw. besteigen. Hier war ich sogar erst am Wochenende zuvor gewesen und merkte so langsam, wie ich in Bezug auf Touristen-Aktionen an meine Grenzen kam. Vielleicht lag es auch am Hunger. Ein letzter Punkt stand noch auf unserer Liste: Pommes essen. Keine Ahnung, wie wir darauf gekommen sind, aber die Entscheidung war einvernehmlich. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir unsere Pommes-Gier bei McDonald’s befriedigt haben, wo es leider auch noch abgefahrene Bestell-Automaten gab, die ich leider leider leider ziemlich affengeil fand. Trotzdem wird es jetzt wieder lange Zeit keinen McDonald’s geben (ich habe ohnehin nur etwa einmal im Quartal Lust, dort zu essen, und dabei meistens das Pech, dass er ausgerechnet zwischen 4:00 und 5:00 Uhr morgens geschlossen hat).

Zuletzt konnten wir uns noch einen gemütlichen Abend mit ein paar Folgen „Modern Family“ machen. Mit „ein paar“ meine ich eigentlich „ein Paar“, genau zwei nämlich, bevor das Internet gestreikt hat. Dann habe ich, eigentlich schon sowas von zum Schlafen bereit, alle meine Kraft zusammengenommen und habe Maggie auf 23:00 Uhr zum Fernbus an den Porte d’Orléans gebracht. Diesmal immerhin ohne Regen.

Schön, dass du da warst, Maggie aus M.

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